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Die junge Mutter sitzt im Wartezimmer. Vor dem Fenster wird eine Eiche langsam grün, die Luft riecht nach Weidenkätzchen.
Zwei ältere Damen sind augenscheinlich nur zum Schwätzen dort, und während die Mutter wartet, stößt noch eine dritte dazu. Ilse hat dies, Hannelores Mann hat das, leeres Geläster. Die Mutter ist müde. Sechs Wochen hatte sie auf den Termin warten müssen, das Knie war noch immer nicht belastbar, ihr Job als Kellnerin, was ihren Job als Kellnerin noch schwieriger machte.
Das Lokal an der B9, ein Treffpunkt für Biker mittleren Alters (ein Ausdruck den die junge Mutter schon immer euphemistisch fand, hatten die meisten ihrer Kunden doch deutlich mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich) hatte sich nicht sehr verständnisvoll gezeigt, und ihr Boss, der seinerzeit selbst den Laden geerbt hatte, schien ihr jeden Arztbesuch persönlich zu nehmen.
Aber sie braucht das Geld dringend, gerade noch hatte sie versehentlich eine Rechnung weggeworfen, die in einem Schwall von Werbung im Briefkasten untergegangen war,
Als wäre das nicht genug, schlug letzte Woche auch noch ihre Unfallgegnerin in der Kneipe auf. Dort saß sie mit einem Herrn der der jungen Mutter vage bekannt vorkam, und es gab ihr etwas Genugtuung, dass das Date fürchterlich dumpf zu laufen schien.
Die Frau, sichtlich desinteressiert, der Mann bemüht, aber durchgängig am labern.
Mindestens zweimal hörte die junge Mutter das Wort “Stadtoberinspektor”; der Monolog des Herren fügt sich perfekt in das geistlose Rauschen der anderen Gäste ein.
Dann bringt sie die Rechnung, 18,70 € bitte, die Dame zahlt. Als Dankeschön für das Motorrad, sagt sie zu ihrer Begleitung. Was immer das heißt. Und während die junge Mutter ein Lächeln aufsetzt, was freundlich sein sollte aber gequält wirken muss, kramt die Dame ein paar Scheine und Münzen heraus. Zehn - fünfzehn - siebzehn - achtzehn - achtzehnfünfzig - achtzehnsechzig - achtzehnsiebzig, bitteschön. Trinkgeld war selten geworden, und wenn es mal großzügig ausfiel, dann kam es fast immer mit einer Portion sexueller Belästigung.
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Der Sohn wird unruhig, die pädagogisch wertvollen Holzspielzeuge üben keinen Reiz auf ihn aus, die abgegriffenen Lustigen Taschenbücher erst recht nicht. Wie sollen sie auch mit dem bunten, aufregenden Lärm konkurrieren, der ihm so häufig multimedial um Aug’ und Ohr dröhnt? Meist guckt er zwei Videos gleichzeitig, ein endloser Schwall aus kurzen Ausschnitten, ulkige Tänze auf der einen Bildschirmhälfte, Minecraft-Parcour auf der anderen - eine Lobotomie in kindgerechten Häppchen.
So bettelt er um das iPad, zu jung um seinen Wunsch zu artikulieren, aber “iPad” kann er schon sagen, dann rufen, dann brüllen, um seinem Sehnen Nachdruck zu verleihen. Die Mutter, müde, mit noch immer schmerzendem Knie, und selbst ins Handy vertieft, gibt nach. Kopfhörer benutzen die beiden nicht, die anderen Patienten schauen genervt.
Von draußen weht eine nikotinhaltige Zuckerwattewolke ins Fenster; die Kakophonie aus Handy und Tablet fügen sich in den Straßenlärm ein.