Donnerstag, 1. Oktober 2026

Temple Bar, bei Nacht

 Leseprobe aus meinem Buch Bildungsfern, keine Ahnung wieso die noch nicht auf dem Blog war:

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Der Fernbus brauchte gute zwei Stunden, um in Dublin City anzukommen.

Mein Date holte mich am Fernbus ab und sah völlig anders aus, als auf ihren Bildern. Älter und deutlich fetter, aber mit einer extrovertierten, kumpelhaften Ausstrahlung, die einen Abend besten Craics weit außerhalb meiner Komfortzone versprach. 

Nach einer für meinen Geschmack etwas zu langen Umarmung mit einer Hand auf meinem Hintern zeigte sie mir Temple Bar, ein Pubviertel in Dublin, das sich in Halbdunkeln von seiner besten Seite zeigte. Einzelne Busker, die teils richtig gute Musik machten, und vor und in den Pubs oft Bands. In fast jeder Bar gab es entweder Rugby oder Live-Musik, und damals bekam man überall noch Pints für fünf Euro. 

Zwei oder drei Pints später hingen wir in irgendeine abgeranzten Metal-Bar, ohne Live Musik, dafür mit bequemsten Sesseln und guter Musik vom Band rum und mein Ersteindruck bestätigte sich: witziger, herzlicher Mensch, von dem ich definitiv nicht mehr als Freundschaft will. Aber sie brachte uns Pint um Pint, bestand drauf, mich einzuladen, denn schließlich hatte ich den langen Weg auf mich genommen, irgendwann gabs noch Essen vom Chipper, und so hing ich wohlig und satt und viel zu betrunken in irgendeinem Sessel in irgendeinem Pub, konnte dem Gespräch kaum noch folgen, und bemerkte auch kaum, dass sie mich ständig irgendwie befummelte. Haar gestreichelt hier, Schultern massiert da, irgendwann die Hand auf den Oberschenkeln, lass das bitte. Ich erkläre, dass ich mich nicht von ihr angezogen fühle, und habe ein schlechtes Gewissen als mir klar wird, dass ich mir diese Art von Übergriffen von einer attraktiveren Frau wohl eher hätte gefallen lassen. 

Sie nimmt es locker und während ich pissen gehe, holt sie noch mal zwei Pintgläser, und in meinem ist irgendwas drin, was wie der Pflaumenschnaps schmeckt, den man nach dem Chinabuffet bekommt. Aber das kann es wohl kaum sein, in einem Pintglas...

Bald wird mir klar, dass ich den letzten Bus nicht mehr bekomme, aber sie schlägt mir vor, dass ich bei ihr schlafen kann. Ich bin dankbar, aber sage ihr, dass ich wirklich nur eine Bleibe für die Nacht suche, und sie sagt das geht klar, im Zimmer ihres Mitbewohners, der gerade in Australien ist, sei ein Sofa für mich. Auf dem schlafe ich dann auch alsbald ein, nichtmal Jeans oder Schuhe schaffe ich auszuziehen.

Irgendwann wache ich auf, weil ich schlecht Luft bekomme. Mein Mund ist bedeckt und ich irgendwie stinkt es nach altem Spülschwämmchen. Ersticke ich? Was zur Hölle hab ich im Mund? Ich werde richtig wach und merke, dass sie auf meinem Gesicht sitzt. Oh gross, fuck off, schrei ich, unter einem Berg von Oberschenkeln, Arsch und Fotze, und sie steht Gott sei Dank auf, vermutlich verletzt von meiner Reaktion, oder vielleicht aus Angst dass ich zubeiße. What the fuck are you doing?!

Sie klettert von der Couch, zieht ihr Nachthemd über ihre Beine, sieht nicht mehr verletzt sondern wütend aus. Ah piss off yer feggit! schreit sie mir hinterher, während ich meine Lederjacke schnappe und aus der Wohnung eile.

Draußen dämmert es schon, und kurz darauf sitze ich auch wieder im Fernbus. Meine Fresse hasse ich Dating. Aber, Gott, freue ich mich auf meine Zahnbürste.

 


Sonntag, 20. September 2026

Saatgutfresser

Das Rad bleibt heute stehen, ich fahre mit dem Auto. Einen echten Grund habe ich nicht, Faulheit eben. Dabei muss ich an eine Anekdote aus dem Geschichtsunterricht denken, von Bauern im Mittelalter, die im Winter das Saatgut für die nächste Aussaat aßen, und dann gab es natürlich keine Ernte mehr, und dann verhungerten sie. Das sollte sicher eine Metapher sein, seid heute emsig und genügsam, dann wird’s morgen besser. 

Aber die war an meine Schulklasse, und besonders an mich, verloren. 

Auf dem Weg zur Arbeit halte ich noch kurz beim Supermarkt. Auf dem Parkplatz schieben fette Wänste Einkäufe in fette Autos, der Konsum von heute das Problem der Ärzte und Krankenpfleger von morgen, und ich dann dazwischen, mit einem Einkaufskorb voller als Lebensmittel getarnter Industrieabfälle, und die Hafermilch, ein Liter Ablassbrief. Ein fettnackiger Typ bleibt im riesigen Ford, während seine Frau einkauft, und weil es heute etwas wärmer ist, läuft der Motor die ganze Zeit, sicher für die Klimaanlage. Das Auto und seine Fahrer, ein groteskes Mahnmal an den Überfluss und die Völlerei, zwei Tonnen Mensch und Stahl und Plastik, jede Meile ein Mittelfinger an die Nachwelt. 

Auf der Arbeit ist nicht viel los, aber dennoch schaffe ich es, einen unliebsamen Termin auf morgen zu schieben, ohne eine gute Ausrede zu haben, außer “fühl ich heut nicht so”, bin von mir selbst genervt, aber ändere nichts daran. Ein Tick und ein Tock und der Arbeitstag ist vorbei, gelernt hab ich nichts, geschafft auch nichts, geschaffen erst recht nicht. 

Dann sitze ich auch schon wieder im Auto und hasse mich dafür, nicht die Ausfahrt zum Fitnessstudio genommen zu haben, der Sportrucksack auf dem Beinfahrersitz erinnert an mein Versagen, und stehe an einer roten Ampel, zweite Ampelphase schon. Vor mir Autos, und hinter mir, und links und rechts neben mir, müssten die denn alle hier sein? Vermutlich nicht, aber ich ja auch nicht. 

Dann komme ich nach Hause, das Piano ignoriere ich, anstatt zu kochen werfe ich eine Pizza in den Ofen, mit Salami, das wollte ich ja eigentlich auch lassen, und anstatt noch was zu lernen setze ich mich an den Computer, auch intellektuell gibt es heute nur Fast Food. 

Irgendwann liege ich dann im Bett, dann rasen die Gedanken, der Puls geht hoch, die Panik setzt ein. Die Welt zieht weiter, aber ich stagniere, und so viele Menschen um mich herum auch, fressen das Saatgut mit ganz großen Löffeln, was mit uns passiert, scheiß drauf, und wer nach uns kommt, sowieso. 

Wieder nichts geschafft, wieder ein bisschen dümmer und schwächer und älter, wieder ein Stückchen Morgen für das Heute geopfert, und dabei nichtmal Spaß gehabt. 

Aber morgen mach ich’s besser. Diesmal bestimmt. 

Sonntag, 30. August 2026

"Bildungsfern" - jetzt auch als gratis Hörbuch. Gelesen von mir, lol.

YouTube: (neues Kapitel jeden Mittwoch und Sonntag) 

KoFi: ganzes Hörbuch verfügbar ab 01.10. für 1,99 €  

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Mal ein ganz neues Unterfangen, kein Plan ob das eine gute Idee ist. 

Dass ich kein professioneller Vorleser bin hört man nach der ersten Silbe, aber auf dem Unterschichtblog schlägt authentisch professionell ja schon immer (solide Ausrede für miese Qualität, oder?). 

Das ganze Hörbuch lade ich gratis auf Youtube hoch, ein Kapitel jeden Mittwoch und Sonntag. Auf Kofi könnt ihr es ab dem 01.10. für 1,99 € kaufen. Der Anfang ist etwas holprig, aber es wird - hoffe ich - besser.

Auch wenn ich schon während ich das schreibe etwas cringe:

Ich freue mich über Likes, Comments und Subs :) 

Haut rein und man HÖRT sich,

StSt 

PS.: 

Vielen Dank an Sercan, Thomas, Igor und "AZ_T3ck" für die Motivationsspritzen diesen Monat. :)  

 

Samstag, 29. August 2026

Mein Freund die Zwiebel

Noch einen alten Text gefunden, der es bisher nicht auf den Blog geschafft hat. 

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Jemand kocht. Jemand anderes kommt rein, oh, was riecht denn hier so gut? Die Antwort, fast immer: Zwiebeln. 

Man fährt eine Woche in den Urlaub, vergisst das Gemüse im Kühlschrank. Die Möhren verschimmelt, die Tomaten matschig, die Paprika zum Wegwerfen. Wer hält ungekühlt im Schrank die Stellung, bleibt saftig und knackig und bereit verspeist zu werden? Die Zwiebel. 

Muss man sie aufwändig kochen? Näh, auch roh ist sie geil. Aber nur für Veganer, oder? Nein, auch der überzeugte "Fleisch ist mein Gemüse"-Alfred liebt die Zwiebel auf dem Mett, in der Frikadelle, auf dem Döner. 

Was so geil schmeckt muss ungesund sein, oder? Denkste. Vitamin A? Voll davon. Vitamin C? Hamwa. Ballaststoffe? Reichlich vorhanden. Onion Bro got you covered. 

Und wer kann sich dieses Wundergemüse leisten? Sicher nur der Großherzog von Österreich-Ungarn oder der reichste Sultan Persiens? Nein, die Zwiebel gibt es Kiloweise, fast gratis, in jedem Supermarkt. 

Ein Gemüse, so overpowered, dass es aus jedem Spiel längst rausgepatcht würde. In jedem RTS wäre der Zwiebelrush die stärkste Strategie, in jedem MMORPG würden alle ihre DKP für die Zwiebel sparen. "Onion imba", schreibt man nur, statt gg, bevor man frustriert das Spiel verlässt.

Und würd man sie einem Alien beschreiben, würd er sie für eine Fabel halten, denn fabelhaft ist er allemal, der vielschichtige Kollege, die Vitaminbombe die keine Kühlung braucht. Die unscheinbare Königin der Gemüsetheke, die Zwiebel.

Montag, 24. August 2026

Fünf Freunde

Auf meiner Platte gefunden, ich glaube bisher unveröffentlicht? 

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Jedes Haus, so war ich als Grundschüler überzeugt, muss mindestens einen Geheimgang haben. 

Ist die Schraube, die sich unter der Plastikabdeckung im Türgriff befindet vielleicht ein geheimer Schalter? Lässt sich das Fensterbrett vielleicht aufklappen? Verbirgt sich im Keller der Chorweiler Platte vielleicht ein geheimer Tunnel, der bis zu einer Schmugglerhöhle am Meer führt? 

Die Schuld an diesem Unsinn teilten sich eine Nachbarin, eine Kölner Philosophiestudentin im achtundzwanzigsten Semester, die meiner Schwester das Lesen nahebringen wollten, und meiner Schwester selbst, die diese Versuche ignorierte und die Bücher stattdessen an mich weitergab.

Auf demselben Weg war ich schon an Pippi Langstrumpf und den kleinen König Kallewirsch gekommen, aber hier, das merkte ich sofort, hatte ich plötzlich richtige “große Kinder” Literatur in der Hand: Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel.

Wer die Serie nicht kennt: fünf Freunde, zwei Jungs, zwei Mädchen und ein Hund, haben Ferien und reisen gemeinsam durch England. Immer ist ein Meer in der Nähe, immer verliert sich die Autorin in lange Beschreibungen der Landschaften und längere Beschreibungen der Wegzehrung. Immer gibt es Schmuggler, oder Diebe, immer gibt es Geheimgänge, immer gewinnen am Ende die fünf Freunde. 

Enyd Blyton beschrieb eine Welt die auf mich, der noch nie das Meer gesehen hatte, kein Essen kannte, das nicht aufgewärmt oder mikrowelliert und dessen einzige Outdoor-Erfahrung ein Ausflug der Grundschule zum Trimm-Dich-Pfad war, so fremd wie Mittelerde und Tatooine. 

Mehr noch als um ihren Hund und um ihr Haus am Meer und um ihre Freunde beneidete ich George um ihren Vater. Ein guter Mensch, aufbrausend, ja, und manchmal etwas ungeduldig, aber nicht, weil er wie mein Vater Formel 1 gucken und Modell-LKWs lackieren musste, sondern weil er ein Forscher war. Ein Mensch mit einem bewegten inneren Leben, der über die großen Dinge nachdachte. Der am Anfang eines Buches einen Fehler machen und am Ende eines Buches diesen einsehen und korrigieren konnte. Kein jähzorniger Kleingeist, der seinen Kindern schon in deren Grundschulalter nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen konnte.

Und so las ich das erste Buch, und das zweite, und dann wieder das erste, und wenn ich nicht las, dann erforschte ich die wenigen Grünflächen im Block auf der Suche nach Geheimgängen, und Ruinen, und manchmal kam ein Freund vorbei und half mir, aber fündig wurden wir nie. Irgendwann kannte ich die ersten fünf Bände auswendig, und leider war sich die Bibliothekarin, das war noch vor dem Internet, sicher, dass es nur die fünf gab. Das fand ich zwar schade, aber irgendwie auch schön, fünf Bände, fünf Freunde.

Auch nachdem die Euphorie über Schmuggler und Geheimgänge längst verflogen war, ließ mich eine Idee nicht los: wie grandios muss doch dieses Meer sein, das ich nur aus dem Fernsehen kannte, dessen Ende man nicht sehen konnte, weil es bis zum Horizont geht, das Wellen und Gezeiten hat, und wo Möwen leben, und wo es immer nach Salz riecht. Für den jungen Stefan, eine völlig fremde und faszinierende Idee.

“Können wir mal ans Meer fahren?” fragte ich dann irgendwann am Mittagstisch. Ich hatte mit allen möglichen Antworten gerechnet. Iss auf und halt die Klappe, oder das können wir uns nicht leisten, oder wir haben doch den Rhein hier. Oder vielleicht über eine Tirade, wie “schwul” doch das Meer sei. 

Völlig unvorbereitet war ich allerdings auf die tatsächliche Antwort: “Ja, darüber wollten wir eh mal mit euch reden, wir fahren über Pfingsten nach Holland.”