Mittwoch, 8. Juli 2026

Straßenlaternen und Abendbrot

Vielen Dank an Fide, Jan, Janis, Sandra und den anderen Stefan für die Motivationsspritzen, hoffe das Buch gefällt. :) 
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Anfangs hatten wir, ein paar Knaben aus der 4b, noch einen kleinen Grünstreifen zwischen zwei Neubaugebieten. 

Was die Erwachsenen “verwildert” nannten war für uns ein Abenteuerspielplatz und ein Museum zugleich: unsere notdürftigen Baumhäuser auf den Ruinen der Baumhäuser der Kinder vor unserer Zeit. Vergessene Schätze, vergrabene Haustiere, benutzte Kondome, Spritzen und Exkremente, aber alles irgendwie im Grünen, damit für uns besonders und zumindest vom Weiten schön. 

Dann musste der Grünstreifen der Stadtverdichtung weichen und so verbrachten wir unsere Tage nur noch auf dem Asphalt, zwischen Hochhäusern in denen spießige Eigentümer und Rentner allmählich von Arbeitslosen, Atzen und Asylbewerbern abgelöst wurden. 

Nach der Schule gabs Mittag, dann warfen uns die Eltern raus. Während die anderen Kinder heim mussten wenn die Straßenlaternen angingen, waren meine Eltern eher laissez-faire, eher aus Bequemlichkeit als aus Überzeugung. Abendessen gab es selten, erst recht nicht  gemeinsam, denn Vater wollte seine Ruhe. Vor der Glotze oder mit seinen Modell-LKWs. Aber ich war gern draußen und nicht bös drum. 

Der Bäume und damit des Kletterns beraubt fanden meine Freunde und ich einen neuen Ort zum Rumhängen. Zwei Abfallcontainer, Altglas und Papier, und ein Spalt dazwischen durch den man gut raufklettern konnte. Nicht hoch, nicht schön, aber immerhin unser. 

Darauf saßen wir dann, mit Aldi-Chips und und Aldi-Cola, bezahlt vom Taschengeld meiner Freunde oder von den Münzen die ich gefunden oder ergaunert hatte, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, und schwelgten in Nostalgie für den Grünstreifen. Wenn wir nichts besseres mit unserer Zeit anzufangen wussten - nicht genug Jungs für Fußballspiele zusammenkamen oder es kein Geld fürs Freibad gab, blieben wir dort oft halben Tag, bis die Straßenlaternen angingen und die Kumpels nach Hause mussten. 

Ganz in der Gegend gab es einen Aquaristikladen, wo man für ein paar Cent dünne, stabile Plastikrohre kaufen konnte, die sich, gestutzt auf 30 cm und in Verbindung mit einem Pfund getrockneter Erbsen oder Bohnen zu ganz hervorragenden Spuckrohren zweckentfremden ließen. Das war entschieden zu viel Macht für uns. 

Mit erstaunlicher Präzision terrorisierten wir damit die Nachbarschaft, lernten während des Radelns zu schießen und verballerten Kiloweise Hülsenfrüchte. Die widerlichen Projektile taten richtig weh und hinterließen blaue Flecken wenn man sie abbekam. Dennoch kannten wir keine Gnade, für uns galt das Recht des Schnelleren. Rache für den Grünstreifen, impotente Wut herausgelassen an Menschen die nichts mit seinem Verschwinden zu tun hatten. 

Außer einmal, da traf einer von uns einen Hund, der sich ganz fürchterlich erschrak und jaulte, und sofort radelten wir rüber zu seinem Frauchen, entschuldigten uns immer wieder, allen gemeinsam die Art von selektivem schlechten Gewissen das man nur für niedliche Tiere empfindet. “Ich wollte eigentlich Sie treffen, nicht Ihren Hund”, warf Robert dann empört ein, hilfreich wie er war, worauf die Dame mit der Polizei drohte. Dann verschwanden wir schnell, in unterschiedliche Richtungen, und fanden auf unseren Containern wieder zusammen. 

Wenn dann die Straßenlaternen angingen blieb ich meist noch länger, oder radelte alleine durch das Viertel, denn zu Hause wartete nichts auf zu dem ich in Eile heimkehren wollte. 

Einmal lud mich Robert, der im selben Hochhaus wohnte, zu sich zum Abendbrot ein. 

Seine Mutter hatte von nichts gewusst, und ich hörte die beiden diskutieren, während ich in seinem Kinderzimmer saß. Eigentlich wollte ich schon gehen, aber dann hatte die Mutter wohl widerwillig für mich mit gedeckt und es gab Brot und Tee und ein Glas Gurken. Irgendwie geschah es dann, dass ich versehentlich zwei Scheiben Käse nahm statt einer. Wie gewohnt schnitt ich die Brotscheibe in der Mitte durch, klappte das Brot zusammen, und seine Mutter explodierte. Vier Lagen Käse aufeinander, schien sie zu finden, ein Zeichen so unverzeihlicher Fressgier. 
Grund genug einen Grundschüler zusammenzuschreien und ihm das angebissene Brot aus der Hand zu reißen. Während sie sich in Rage schreit habe ich erst Panik, erfolgreich in den Hausflur geflüchtet und außerhalb ihrer Reichweite finde ich meinen Mut wieder und nenne Sie beim Weglaufen eine Missgeburt. 

Meine Eltern wohnen nur ein paar Stockwerke weiter oben, also will ich die Treppen nehmen. Ein paar Stufen darüber finde ich dann einen Teich aus frischer Pisse, mitten im Hausflur, in dem Taschentücher schwimmen. Ich werde wütend, tu mir selbst leid, kehre um und fahre noch eine Runde Rad. Draußen ist es nun dunkel, die Straßenlaternen erinnern mich an meine Freunde, die längst zu Hause sein müssen, vielleicht noch an ihren Nintendos sitzen oder schon im Bett liegen. 

Dann denke ich an Robert und seine Mutter und mein Selbstmitleid verlässt mich. 

Es hätte mich deutlich schlimmer treffen können. 


Mittwoch, 10. Juni 2026

Mein Buch "Bildungsfern" ist wieder als Druckausgabe zu haben

So Leute, gaaaanz kurz mal eben...  

Wie ein Unbekannter hier kommentiert hat, "Amazon ist nicht der Mittelpunkt der Welt!" und so ist Bildungsfern jetzt wieder als Taschenbuch zu kaufen. 

Epubli: Bildungsfern

Amazon:  Bildungsfern

Ich will den Print-on-Demand Service mal testen, falls sich hier ein paar Bücher verkaufen und die Bewertungen gut ausfallen würde ich auch "Vagabund" darüber vertreiben. 

Von den 8,49 € Kaufpreis landen übrigens 2,40 € bei mir. 

Ein neuer Text erscheint die Tage, stay tuned. 

Haut rein und man liest sich,

StSt

Sonntag, 17. Mai 2026

Kleinstadtquartett, Vierter Teil: die junge Mutter

Wer den Blog unterstützen möchte: 

Das ganze Quartett als Epub und PDF mit coolem Cover für nur 1,00 € gibt es HIER zu kaufen.

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Die junge Mutter sitzt im Wartezimmer. Vor dem Fenster wird eine Eiche langsam grün, die Luft riecht nach Weidenkätzchen. 

Zwei ältere Damen sind augenscheinlich nur zum Schwätzen dort, und während die Mutter wartet, stößt noch eine dritte dazu. Ilse hat dies, Hannelores Mann hat das, leeres Geläster. Die Mutter ist müde. Sechs Wochen hatte sie auf den Termin warten müssen, das Knie war noch immer nicht belastbar, ihr Job als Kellnerin, was ihren Job als Kellnerin noch schwieriger machte.

Das Lokal an der B9, ein Treffpunkt für Biker mittleren Alters (ein Ausdruck den die junge Mutter schon immer euphemistisch fand, hatten die meisten ihrer Kunden doch deutlich mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich) hatte sich nicht sehr verständnisvoll gezeigt, und ihr Boss, der seinerzeit selbst den Laden geerbt hatte, schien ihr jeden Arztbesuch persönlich zu nehmen. 

Aber sie braucht das Geld dringend, gerade noch hatte sie versehentlich eine Rechnung weggeworfen, die in einem Schwall von Werbung im Briefkasten untergegangen war... 

Als wäre das nicht genug, schlug letzte Woche auch noch ihre Unfallgegnerin in der Kneipe auf. Dort saß sie mit einem Herrn der der jungen Mutter vage bekannt vorkam, und es gab ihr etwas Genugtuung, dass das Date fürchterlich dumpf zu laufen schien. 
Die Frau, sichtlich desinteressiert, der Mann bemüht, aber durchgängig am labern. 

Mindestens zweimal hörte die junge Mutter das Wort “Stadtoberinspektor”; der Monolog des Herren fügt sich perfekt in das geistlose Rauschen der anderen Gäste ein. 

Dann bringt sie die Rechnung, 18,70 € bitte, die Dame zahlt. Als Dankeschön für das Motorrad, sagt sie zu ihrer Begleitung. Was immer das heißt. Und während die junge Mutter ein Lächeln aufsetzt, was freundlich sein sollte aber gequält wirken muss, kramt die Dame ein paar Scheine und Münzen heraus. Zehn - fünfzehn - siebzehn - achtzehn - achtzehnfünfzig - achtzehnsechzig - achtzehnsiebzig, bitteschön. Trinkgeld war selten geworden, und wenn es mal großzügig ausfiel, dann kam es fast immer mit einer Portion sexueller Belästigung. 

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Der Sohn wird unruhig, die pädagogisch wertvollen Holzspielzeuge üben keinen Reiz auf ihn aus, die abgegriffenen Lustigen Taschenbücher erst recht nicht. Wie sollen sie auch mit dem bunten, aufregenden Lärm konkurrieren, der ihm so häufig multimedial um Aug’ und Ohr dröhnt? Meist guckt er zwei Videos gleichzeitig, ein endloser Schwall aus kurzen Ausschnitten, ulkige Tänze auf der einen Bildschirmhälfte, Minecraft-Parcour auf der anderen - eine Lobotomie in kindgerechten Häppchen. 

So bettelt er um das iPad, zu jung um seinen Wunsch zu artikulieren, aber “iPad” kann er schon sagen, dann rufen, dann brüllen, um seinem Sehnen Nachdruck zu verleihen. Die Mutter, müde, mit noch immer schmerzendem Knie, und selbst ins Handy vertieft, gibt nach. Kopfhörer benutzen die beiden nicht, die anderen Patienten schauen genervt.

Von draußen weht eine nikotinhaltige Zuckerwattewolke ins Fenster; die Kakophonie aus Handy und Tablet fügen sich in den Straßenlärm ein. 

 

 

 


 

 

 

 

Mittwoch, 8. April 2026

Stütze ist zurück

Moin allerseits,

nachdem ich durch den Amazon-Ban etwas demotiviert wurde und meine Reddit-Nutzung "dank" einer Flut von Slop stark nachgelassen hat, hier ein Lebenszeichen. 

Ich habe beschlossen, dem Trend zu trotzen und noch ein paar authentische Texte rauszuballern, bevor des Internets Sterbeglocken läuten. Rage, rage against the dying of the light und so. 

Zeitplan für 2026:

heute: "Bildungsfern" - gratis runterladbar unter https://ko-fi.com/s/109c93e46b

01.05. - Finale des Kleinstadtquartetts 

Juni-August: drei "klassische" Unterschichtblog Posts  

31.08. - Release der "Bildungsfern"-Forsetzung: Vagabund als PDF und Epub für 1 € 

24.12. - "Bildungsfern"-Fortsetzung ("Vagabund") wird gratis 

24.12. - Release meiner Krabat-Interpretation ("Krabat - Aus dem Volksmund") 

So gerne ich die Bücher in Papierform herausbringen würde, ohne KDP wird das schwierig, daher werden sie nach einem "Pay what you want"-Modell als PDF und Epub verkauft / verschenkt. 


Haut rein und man liest sich!

StSt 

Freitag, 7. November 2025

Amazons automatisierte Atombombe und das Ende meiner Buchverkäufe

Update:

Weil hier immer noch Leute reinschauen habe ich beschlossen, mich zwischendurch noch zu melden und das Buch sobald es etwas poliert ist zumindest noch auf dem Blog zu veröffentlichen. 

Es wäre zu schade um die Geschichte. 

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Hi allerseits,

vor ein paar Wochen habe ich mein zweites Buch angekündigt. 

Wie Faust, Merlin, Till Eulenspiegel oder der fucking Weihnachtsmann ist "Krabat" seit vielen Jahrzehnten in der Public Domain. Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass die meisten Leser bei Krabat als erstes an die Ottfried-Preußler-Version denken.

Dessen war ich mir sehr bewusst und habe daher einen Buchtitel, einen Autorennamen und ein gelbes Buchcover gewählt, das eine Verwechslung ABSOLUT unmöglich macht. Selbst der Name des Buches, "Krabat: Aus dem Volksmund" sollte die Herkunft der Krabat-Sage nochmal deutlich machen. Auch inhaltlich und sprachlich hatte meine Geschichte so ziemlich gar nichts mit der Preußler-Version zu tun, außer dass wir uns halt auf denselben Urtext von etwa 1850 berufen haben. 

Dass Amazon das Buch dann trotzdem nicht verlegen will, hatte ich schon halb erwartet. Das ist ja deren gutes Recht. NICHT erwartet hatte ich, dass dies als Versuch, Amazon-Kunden zu täuschen, gewertet würde:

Leider ergibt aus dieser (vermutlich automatischen), quasi nuklearen Überreaktion, dass auch mein altes Buch, "Bildungsfern", und die geplante Fortsetzung "Vagabund", nicht mehr verkauft werden können. 

Wer trotzdem noch das alte Buch als Epub / PDF haben will, kann mir jederzeit eine Mail schicken und es gratis bekommen oder eine Minispende per PayPal schicken. 

Schade Leute, das Schreiben und die tollen Reaktionen auf das alte Buch haben mir in den letzten Jahren sehr viel gegeben, aber so endet leider das Kapitel "Stefan Stütze". 

Haut rein, 

StSt