Freitag, 30. Dezember 2022

Der Unterschicht Blog in 2023

Hallo Freunde,

verzeiht diesen administrativen Eintrag, ich wollte nur ein kurzes Update geben, was für das nächste Jahr ansteht.

der Unterschicht Blog ist jetzt etwa fünf Wochen alt und ich freue mich über jeden Aufruf und besonders über jeden Kommentar. 

Für 2023 habe ich mir vorgenommen, mindestens zwei Posts im Monat zu schreiben. 

Dabei ist es mir wichtig, dass die Posts kurzweilig und unterhaltsam und Abwechslungsreich bleiben und nichts zu veröffentlichen, das diesen Standard nicht erfüllt. Ein paar interessante Ideen von Reddit-Usern, die ich gern umsetzen würde.

1. "All die kleinen kreativen Dinge die einen ein entspanntes Leben mit wenig Geld ermöglichen."

2. "Ich fände eine Reflektion spannend, quasi wie wurden deine Einstellungen durch die Bildungsfeindlichkeit deiner Eltern geprägt[...]"

3. "Mich würde interessieren, wie diese Erfahrungen deine politischen Ansichten geprägt haben"

Für Januar habe ich außerdem eine Reflektion, wie viele Jahre Armut meinen Umgang mit Geld geprägt haben, geplant. Und natürlich einen Haufen "Slice of Life" Geschichten, die ich spontan schreibe, wenn mich eine bestimmte Erinnerung heimsucht. :)

Da ich mittlerweile fest in einem dualen Studium und somit in einem permanten Zustand der Überforderung stecke, können die Posts etwas sporadisch werden. Das Projekt ist aber nicht vergessen, auch wenn hier mal etwas Funkstille herrschen sollte. Nach der nächsten Klausurenphase plane ich zudem eine optische Überarbeitung, damit der Blog auch mobil optimiert ist.

Ich danke herzlich fürs Lesen und wünsche euch alles Gute im neuen Jahr!

Auf bald,

UB

 


Sonntag, 25. Dezember 2022

Heiligabend im Plattenbau

Heiligabend. Schon um kurz vor drei klingle ich bei meinen Eltern. Den uralten BMW meines Schwagers habe ich schon erspäht; meine Schwester, Mitte 30, ihr Mann, Mitte 20, und deren Sohn, Kyle-Jeremy, oder so ähnlich, glaube 7, sind also auch schon da.

 

Mutter öffnet die Tür. „Frohe Weihnachten“ sag ich. Sie bemüht sich um ein Lächeln. Vater, Schwester, Schwager sitzen im Wohnzimmer. Schwager begrüßt mich, Kyle-Brandon kann sich gerade nicht von seinem Tablet, von dem die nervigen und viel zu lauten Töne eines Minecraft-Videos scheppern, trennen. Schwester klebt am Handy und schaut kaum auf, obwohl wir uns seit letztem Weihnachten nicht mehr gesehen haben. Vater schaut fern, erhöht zwischendurch die Lautstärke, um das Minecraft „Let’s Play“ zu übertönen. Jeremy-Kyle (oder war es Kyle-Jeremy?) lässt sich im kakophonen Wettrüsten nicht schlagen und erhöht wiederum die Lautstärke seines Tablets.

 

Schwager fragt mich, was ich jetzt eigentlich verdiene, und ich sag es ihm, damit er sich daran erfreuen kann, mehr zu verdienen als ich. Sein gutes Gehalt sei ihm gegönnt, als Koch ist es hart und ehrlich verdient, und ich bin froh, dass er die Schulden, die meine kriminelle Schwester angehäuft hat, jetzt brav abbezahlen kann. Die Schwester wird direkt hellhörig und muss anmerken „zusammen verdienen wir also gut doppelt so viel wie du, haha“. Ich gratuliere ihr, dass sie das ohne Taschenrechner ausgerechnet hat und behalte den Rest für mich.

 

Irgendwann geht Schwager zum Auto, um seinen Raclette-Grill zu holen. Vater regt sich auf, über so einen neumodischen Unsinn, warum können wir das Fleisch nicht in der Pfanne braten, und wie soll man denn satt werden mit den kleinen Schälchen und überhaupt, früher war alles aus Holz. Mutter versucht ihn zu beschwichtigen, immerhin habe sie zwei Kilo Hack gekauft, und sein Lieblingsbier, und will er es denn nicht mal ausprobieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und mancher Mensch ist eben Gewohnheitshornochse.

 

Langsam wird es dunkel, wir fangen zu essen an. Gesprochen wird kaum, Brandon-Jayden ist nach zwei Pfännchen satt und spielt ein Spiel auf seinem Tablet. Vater inhaliert zwar Pfännchen um Pfännchen, motzt zwischen den Bissen aber immer wieder über diese Schnappsidee. „Das ist ja schlimmer wie letztes Jahr, als Schwager gekocht hat“. Schwager ist mittlerweile ausgelernter Koch und „letztes Jahr“ (vor zwei oder drei Jahren, als er noch Azubi war) gab es ein wirklich gutes Drei-Gänge-Menü, das er über vier Stunden in der schlecht ausgestatteten Küche meiner Eltern zubereitet hatte. Vater und Schwester, deren Nahrungsaufnahme immer nach Kalorien / Zeiteinheit optimiert war, sind sich einig: völliger Unsinn.

 

Irgendwann kommen wir an dem Punkt des Abends an, vor dem ich mich seit Tagen fürchte. Bescherung. Letztes Jahr war diese so deprimierend, dass ich danach zu schreiben anfing.

 

Jayden-Maddox packt seine Geschenke aus. Beim Öffnen ist auch er mal enthusiastisch und wach und entkräftet meine Vermutung, dass sein Tablet wohl angewachsen sein muss. Vater hat ihm einen Modell-LKW geschenkt und erzählt ihm Geschichten von seiner Zeit als Fernfahrer. Der Junge will weiter auspacken und sofort ist Vater genervt, dass sein Geschenk nicht mehr der Nexus der Aufmerksamkeit ist. Von seinen Eltern bekommt der Siebenjährige eine Google-Play-Karte über 50 € und einen Schal mit LKW-Motiven. Ich nehme an, das war so mit Vater abgesprochen.

 

Letztes Jahr hatte ich mir geschworen, Jamie-Brandon nichts zu schenken. Trotzdem überreiche ich ihm ein kleines Päckchen und bereue es fast umgehend. Er freut sich natürlich, reißt es auf und findet ein Schachbuch für Kinder und ein kleines Reiseschachspiel. Ich dachte, dass ich ihn damit vielleicht etwas fördern und ihm das Spiel beibringen kann. Vielleicht ist es auch völlig unangebracht für Kinder in seinem Alter, was weiß ich denn, bin ja kein Papa. Aber ich dachte es wäre schön, wenn er auch mal was Analoges spielen und dabei seinen Grips anstrengen könnte.

 

Meine Schwester lacht schon, als sie nur sieht, dass es ein Buch ist. „Haha, dasselbe Geschenk wie letztes Jahr!“. Hoffentlich wird sie es dieses Jahr nicht wieder verkaufen… Vater regt sich sofort auf. „Jetzt lass doch den Jung mit dem Streberscheiß in Ruhe.“Jayden-Damien ist durch das Verhalten seines Opas sofort verunsichert und jegliches Interesse am Geschenk ist im Keim erstickt. Vater kann nicht wirklich lesen, und irgendwie fühlt er sich bedroht, wenn andere Menschen um ihn herum Interesse an Dingen zeigen, die er nicht versteht. Aber es geht einfach mal nicht um ihn. Schwager hält sich raus, meine Mutter sieht nur wieder traurig aus. Warum müsse ich denn den Vater denn immer so ärgern, fragt sie mich später, als wir zu zweit auf dem Balkon sitzen. Sie raucht, und es friert sie, und sie sieht auf einmal so alt aus. Ach Mutter, sag ich nur. Dann schweigen wir, bis ihre Zigarette aufgeraucht ist.

 

22:30. Ich sitze allein im Bahnabteil auf dem Weg nach Hause. Ich zische mir ein Bier, das ich dem Vater geklaut habe. Eigentlich sollte ich traurig sein. Aber irgendwie fühle ich mich gut.

 

364 Tage Ruhe.  

Sonntag, 18. Dezember 2022

Der sinnlose Computerkurs des Jobcenters

Ein Sommer, etwa 2009. Nach zwei kurzfristigen Beschäftigungen beziehe ich wieder Hartz 4 und bin abhängig vom Jobcenter.

"Ach Mensch, Sie sind ja noch jung, machen Sie doch einen Computerkurs!", sagt die überdurchschnittlich bemühte Jobcenter-Mitarbeiterin zu mir.

Ich freue mich über die Gelegenheit, frage mich aber, ob es wirklich in ganz Köln kein ähnliches Kursangebot gibt, und so fahre ich - bezahlt vom Jobcenter - 40 km pro Strecke Zug.

Die Erwartungen wurden klar an mich kommuniziert: sechs Wochen, acht Stunden am Tag, maximal ein Fehltag, am Ende gibt es eine Prüfung. Bei Bestehen gibt es ein Zertifikat. Dieses, so meine Bearbeiterin, könne mir helfen, eine Berufsausbildung zu finden. Spoiler: konnte es nicht.

So sitze ich frohen Mutes im Zug, trotz der infernalischen Hitze und studiere den Stundenplan:
Die erste Woche befasst sich mit Word. Okay. Woche zwei betrifft Excel. Das könnte interessant werden. Dritte Woche: Computer. Okay, was auch immer das heißt. Und so weiter.

Vor der Bildungseinrichtung, die an einer vielbefahrenen Kreuzung in Bahnhofsnähe liegt, pellt sich ein Ungetüm aus Fleisch aus einem winzigen Peugeot 106. Der Mann, zwei Meter groß und mindestens zweihundert Kilo, müht sich keuchend aus seinem Auto und ist Sekunden später von dicken Zuckerwattewolken aus seinem Vaporizer umgeben. Ich nicke ihm zu, während ich an ihm vorbei die Schule betrete. Der Klassenraum ist auf einem kleinen Lageplan, den mir das Jobcenter mitgegeben hat, eingezeichnet.

Ich setze mich in die zweite Reihe, da sitze ich am liebsten. Der Fleischkoloss von vor der Tür kommt in die Klasse und setzt sich direkt vor mich. Sein Maurerausschnitt ist so lang wie mein Unterarm und sein Gestank unerträglich.

Der Dozent kommt rein, stellt sich vor, wir starten eine Vorstellungsrunde. Ich lerne, dass der Zuckerwattewolkenmann Ronny heißt und den Kurs zum dritten Mal besucht. Er hat sechs Kinder und beim den ersten Versuch war eines krank, beim zweiten hat er die Prüfung nicht geschafft. Der Rest der Klasse ist wie ich: orientierungslose Mittzwanziger am Rande der Gesellschaft, die wider jeder Vernunft etwas Hoffnung in der Maßnahme sehen.

Der Dozent macht uns Mut, sagt er habe den Kurs selbst mal absolviert, also wisse man ja nie. Dass er einen BA in Wirtschaftsinformatik hat und den Kurs mitgestaltet hat, verschweigt er erstmal.

Wir versuchen, auf den uralten ThinkPads dem Unterricht zu folgen, aber die Bildschirme sind nicht hell genug und es ist schwierig, irgendwas zu erkennen. Dennoch kennen wir nach einer Woche so etwa die Basics von Word.

Die nächste Woche, der Dozent ist krank. Spontan ziehen wir das Modul "Computer" vor. Der Vertretungslehrer muss seine Aufmerksamkeit zwischen drei Klassen aufteilen, kommt rein, gibt uns den Stundenplan für die Woche. Dieser bringt mich noch heute zum Lachen:

1. Montag - Betriebssysteme
2. Dienstag - Computerhardware und Elektrotechnik
3. Mittwoch - vernetzte IT-Systeme (LAN, WLAN)
4. Donnerstag - Programmierung in Java
5. Freitag - Wiederholung und Modulprüfung

Na gut, das wird ja eine interessante Woche. "Die Laptops braucht ihr diese Woche nicht", sagt er. Wir bekommen einen kurzen Text zu Betriebssystemen. In zwei Absätzen wird erklärt, was Windows und was OSX ist. Ronny dreht sich um und erklärt uns, dass wir den zweiten Absatz ignorieren können, denn in der Prüfung kommt nur Windows dran.

Recht hat er, in der Prüfung wird es nur eine Frage zu Betriebssystemen geben: "Welches ist ein Betriebssystem? Windows, Word, HTML, oder WLAN?"

Die restlichen Tage gehen wir mit ähnlicher Tiefe an. Kurze Texte, die mit maximal zwei Fragen in der "Modulprüfung" abgefragt werden. Fast acht Stunden Langeweile am Tag, der Dozent weit und breit nicht zu sehen. Die anderen Teilnehmer sind klüger als ich, tragen sich morgens in die Liste ein und hauen nach Ausgabe der Texte ab. Ronny und ich sind bemüht und bleiben. Ich komme mir wie ein Vollidiot vor.

Freitags kommt die Prüfung (90 Minuten für 10 Multiple Choice Fragen). Ohne Aufsicht. Kurz vor Feierabend, der Lehrer kommt kurz rein, teilt uns das Ergebnis mit. Alle haben bestanden, niemand freut sich.

Die Lernmittel sind unter aller Sau. Es gibt nur 40 Laptops für 3x20 Schüler, weil man eben mit hoher Abwesenheit rechnet. Hilft aber in der erste Woche nicht, wenn die Anwesenheit noch gut ist. Die Unterrichtsräume sind eine reine Zumutung, viel zu eng besetzt, nie im Leben konform mit Brandschutz. Unser Klassenraum ist direkt neben der einzigen Toilette, und so dürfen wir, 2-3 mal täglich, Ronny zuhören, der laut stöhnend schmerzhafte Arschentbindungen durchleben muss.

Die nächste Woche. Excel. Oder Powerpoint, keine Ahnung mehr. Nur noch zwei Drittel der Klasse sind erschienen, ich freue mich, denn so ist die Luft nicht mehr ganz so stickig und nicht mehr ganz so voll mit Scheißepartikeln, Deo und Zigarettengestank. Der Dozent der ersten Woche ist wieder da, aber auch er muss seine Zeit zwischen drei Gruppen aufteilen. Wenigstens gehen die Office-Kurse etwas in die Tiefe, und wenigstens haben wir für diese Laptops. Yay.

Ronny hat sich mittlerweile den Spitznamen "der Professor" verdient. Der Einäugige unter den Blinden. Während der Rest mit Summenformeln überfordert ist, unterhält er sich mit dem Dozenten über Pivot Tabellen und VBA. Wenn wir dumme Fragen stellen, erklärt er uns das Zeug geduldig. Mir wird klar, dass ich ihn den Kerl zu sehr verurteile und ich überlege, wie mein Leben wohl aussähe, wenn ich mich auch um sechs Kinder kümmern müsste.

Nach sechs Wochen gibt es eine Abschlussprüfung. Etwas Office, ein paar Fragen zu Mäusen und Tastaturen und 1:1 dieselben Fragen aus der "Computer"-Woche. Die Auswertung dauert etwa eine Woche, dann bekommen wir das Zertifikat.

Zum letzten Mal sitze ich im Zug nach Hause und reflektiere. Wieder sechs Wochen verschwendet, denke ich mir. Kein echter Erfahrungsgewinn, den Steuerzahler wieder um hunderte Euros beraubt, und auch das Zertifikat, das mir "Fortgeschrittene Kenntnisse in IT, Programmierung und MS Office" bescheinigt, wird bei Bewerbungen so nutzlos sein, wie ich mich fühle.  


 

Samstag, 10. Dezember 2022

Die Abendrealschule

5:30 Uhr, an einem Augusttag vor etwa zwölf Jahren.

Der Wecker klingelt, aber ich bin längst wach. Konnte vor Aufregung kaum schlafen und fühle mich gerädert. Schlürfe einen Kaffee auf dem Balkon und schaue vom siebten Stock auf das Viertel runter. Es sind bereits über 20 Grad. Ich hasse den Sommer.

Nach einer gründlichen Dusche radle ich los, 20 km den Rhein rauf. Die Arbeit geht ausnahmsweise viel zu schnell rum und mit jeder Minute, die ich mich dem Feierabend nähere, werde ich nervöser. Ich darf heute ´ne Stunde früher gehen, denn heute ist mein erster Tag an der Abendrealschule.

Nach Feierabend schwinge ich mich wieder aufs Rad und komme nach einer halben Stunde im Höllentempo völlig verschwitzt an der Schule an. Ich bin zu früh, aber so kann ich noch einen Platz in der zweiten Reihe ergattern. Genau da wollte ich hin, das hatte ich auf dem Weg genau überlegt. Da bekommt man alles mit, aber falls nette Mädels in der Klasse sind, halten die mich nicht direkt für einen Streber - denn der würde schließlich in der ersten Reihe sitzen.

18:30, Herr K. kommt. Unser Klassenlehrer. Dreißig Schülerinnen und Schüler sitzen an zwanzig Tischen. Es stinkt nach Schweiß und Deo, denn fast alle waren wir vorher arbeiten. Der Lehrer kommt rein, setzt sich wortlos ans Pult und schreibt erstmal etwas. Zum letzten Mal für die nächsten 18 Monate sind wir alle still, während wir auf den Anfang der Stunde warten.

Irgendwann hebt ein junger Türke in der letzten Reihe seine Hand. „Ich hab kein Tisch“, sagt er. Der Lehrer guckt auf. „Kein Thema, in sechs Wochen sind zehn von Ihnen eh weg, dann ist mehr als genug Platz“. Er muss unsere kollektive Sorge wohl gesehen haben, denn sofort legt er, weit freundlicher, nach: „Ach, keine Sorge, wer so lange bleibt, zieht es dann meistens auch durch.“

Sechs Wochen später. Wir sind nur noch zwanzig und jeder hat seinen eigenen Tisch. Die Tage fühlen sich unendlich lang an, aber wenigstens ist es nicht mehr so heiß. Die Klasse ist noch sehr motiviert, und den Vorbereitungskurs meistern wir alle erfolgreich. Manche Dinge muss der Lehrer zehnmal erklären, aber eine Sache verstehen wir alle, ausnahmslos, kennen wir auswendig: „Wer keine Fünf hat, darf weitermachen. Wer eine Fünf hat, kann die durch eine Drei ausgleichen. Wer zwei hat, muss gehen.“

Niemand hat zwei Fünfen. Nach sechs Monaten sind wir alle, ganz offiziell, Realschüler. Ich habe Spaß an Englisch und Deutsch und wenn ich Mathe nicht verstehe, hilft mir meine Freundin. Womit ich die verdient habe, verstehe ich beim besten Willen nicht.

Mein Chef unterstützt mich. Der hat mir überhaupt erst geraten, den Abschluss nachzumachen. Nach vielen Jahren prekärer Scheißjobs und sporadischer Arbeitslosigkeit hatte ich mir das überhaupt nicht zugetraut. Aber ich habe Glück. War es im Büro ruhig, schrieb er zwischendurch, dass ich das Telefon ausmachen und was für die Schule tun soll. Stand eine Klassenarbeit an, durfte ich früher Feierabend machen. Auch hier bin ich unsicher, womit ich das verdiene. Aber ich verstehe, dass das Glück nicht jeder hat und dass es ohne deutlich schwieriger wäre.

Der Schulalltag war angenehmer als befürchtet. Ja, irgendwie waren wir alle Asis. Die meisten rauchten, fehlten häufiger mal, hatten nicht immer den nötigen Respekt vor den Lehrern. Jeder hatte so seine Macke. Schlechte Hygiene wurde mit zu viel Deo kompensiert und dass Chipstüten ein gänzlich ungeeigneter Snack für einen Klassenraum sind, haben viele auch nach der dritten Ermahnung nicht verstanden. 

Aber alle waren freiwillig da und alle hatten Verständnis, wenn mal jemand was nicht kapierte was für den Rest längst klar war. Wer jemanden auslachte, wurde kollektiv zusammengestaucht. Auch die Lehrer passten zu uns. Niemand war dort, weil sein Leben gradlinig und planmäßig verlief.

Nach 18 Monaten hatten wir es geschafft. 20 von uns, Anfangs mit Hauptschulabschluss, oder gänzlich ohne, waren einen Schritt weiter im Leben, hatten neue Perspektiven und etwas Selbstbewusstsein und vielleicht sogar etwas Stolz.

In unserem Englischbuch, ich sehe das junge Mädel auf dem Cover, das auf einem Surfbrett durch das „Internet surft“, noch vor meinen Augen, war ein Kapitel zum American Dream. Was denn der German Dream sei, fragte Herr K. uns als Denkansatz. „Hier kann man Scheiße bauen und auch mal faul sein und bekommt immer wieder zweite Chancen“, antwortete jemand.  

Und auch wenn das nicht immer stimmt und auch wenn leider noch so mancher Mensch durch’s Netz fällt, der vielleicht nicht das Glück hat, die richtige Freundin oder den richtigen Chef zu haben: dankbar bin ich für jede der hundert „zweiten“ Chancen, die ich im Leben bekommen habe.

Sonntag, 4. Dezember 2022

Die absurden Investments meiner Schwester: ein positives Update!

Alternativer Titel: was ein absoluter Chad-Schuldnerberater so bewirken kann.

Vor etwa einem knappen Jahr habe ich über die finanziellen Verhältnisse meiner Schwester und ihren Sohn Kyle-Jeremy (Name frei erfunden) berichtet. Damals habe ich den Kontakt mehr oder weniger abgebrochen, nachdem meine Schwester ein Weihnachtsgeschenk für ihren Sohn für Centbeträge bei Rebuy vertickt hat, was mich ziemlich traurig gemacht hat.

Schon vor einiger Zeit hatte meine Schwester über einige abgeschlossene Handyverträge Schulden (etwa 35k) €) gemacht und ich wäre der festen Überzeugung gewesen, dass die jetzt in Privatinsolvenz gehen. Schon damals war der ehrenamtliche Schuldnerberater der absolute Protagonist der Geschichte. Im Beisein meiner Schwester hat er mir geraten, meiner Schwester weder meine Anschrift, noch meinen Arbeitgeber zu nennen, damit sie nicht auf die Idee kommt, Verträge auf meinen Namen abzuschließen. Und man soll es nicht glauben, aber irgendwie wendet sich da gerade alles zum Guten.

Ihr Mann war damals frisch ausgelernter Koch. Auch mit ihm habe ich seit Weihnachten nicht mehr gesprochen. Jetzt habe ich die Tage meine Eltern besucht und er war auch da. Ich frage ihn, wo meine Schwester ist. Er sagt sie sei arbeiten. Ich glaube es kaum und frage deshalb nach. "Ja jetzt ist Jeremy-Kyle ja in der Schule und sie kann vormittags arbeiten. Macht jetzt 20 Stunden die Woche bei Edeka."

Okay, wtf, das sind mal Neuigkeiten. Auch ihr Mann arbeitet mittlerweile richtig, als Koch, in fester Anstellung. Bei ihm hab ich es aber erwartet. Ich kann es mir natürlich nicht nehmen lassen zu fragen, wie es mit der Privatinsolvenz läuft. Anscheinend, und ich höre das nur aus dritter Hand, ist auch das viel besser gelaufen als erwartet.

Der Schuldnerberater hat denen klar gemacht, dass ein großer Teil der Schulden nicht über die Privatinsolvenz verschwinden würde, weil sie über Betrug angehäuft wurden. Die Handyverträge, die sie auf fremde Namen abgeschlossen hat, zählen nämlich als Betrug. Stattdessen hat der irgendwie eine Umschuldung hinbekommen und statt einem Haufen verschiedener Kreditoren (oder heißt es Debitoren?) haben die beiden jeden nur einen Bankkredit zurückzuzahlen.

Und das klappt auch irgendwie. Seit einigen Monaten zahlen die jetzt brav 600 € jeden Monat zurück. Der Zinssatz ist auch viel geringer als vor der Umschuldung und so könnten die beiden in knappen sechs Jahren komplett schuldenfrei sein, und das ohne Privatinsolvenz und ohne dass die Allgemeinheit dafür aufkommen muss.

Natürlich weiß ich nicht, ob Schwesterherz nicht doch irgendwelche Scams und Schemes am Laufen hat, aber irgendwie glaube ich ihrem Mann, dass der Schuldnerberater echt zu denen durchgedrungen ist. Gleichzeitig tut mir auch ihr Mann irgendwie leid, dass der als junger Berufsanfänger direkt zwei solcher fetten Klötze am Bein hat (Schwester + Schulden), aber ihm scheint es nichts auszumachen.

Und die Moral von der Geschicht: Schulden machen lohnt sich nicht.