Vielen Dank an Fide, Jan, Janis, Sandra und den anderen Stefan für die Motivationsspritzen, hoffe das Buch gefällt. :)
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Anfangs hatten wir, ein paar Knaben aus der 4b, noch einen kleinen Grünstreifen zwischen zwei Neubaugebieten.
Was die Erwachsenen “verwildert” nannten war für uns ein Abenteuerspielplatz und ein Museum zugleich: unsere notdürftigen Baumhäuser auf den Ruinen der Baumhäuser der Kinder vor unserer Zeit. Vergessene Schätze, vergrabene Haustiere, benutzte Kondome, Spritzen und Exkremente, aber alles irgendwie im Grünen, damit für uns besonders und zumindest vom Weiten schön.
Dann musste der Grünstreifen der Stadtverdichtung weichen und so verbrachten wir unsere Tage nur noch auf dem Asphalt, zwischen Hochhäusern in denen spießige Eigentümer und Rentner allmählich von Arbeitslosen, Atzen und Asylbewerbern abgelöst wurden.
Nach der Schule gabs Mittag, dann warfen uns die Eltern raus. Während die anderen Kinder heim mussten wenn die Straßenlaternen angingen, waren meine Eltern eher laissez-faire, eher aus Bequemlichkeit als aus Überzeugung. Abendessen gab es selten, erst recht nicht gemeinsam, denn Vater wollte seine Ruhe. Vor der Glotze oder mit seinen Modell-LKWs. Aber ich war gern draußen und nicht bös drum.
Der Bäume und damit des Kletterns beraubt fanden meine Freunde und ich einen neuen Ort zum Rumhängen. Zwei Abfallcontainer, Altglas und Papier, und ein Spalt dazwischen durch den man gut raufklettern konnte. Nicht hoch, nicht schön, aber immerhin unser.
Darauf saßen wir dann, mit Aldi-Chips und und Aldi-Cola, bezahlt vom Taschengeld meiner Freunde oder von den Münzen die ich gefunden oder ergaunert hatte, vielleicht neun oder zehn Jahre alt, und schwelgten in Nostalgie für den Grünstreifen. Wenn wir nichts besseres mit unserer Zeit anzufangen wussten - nicht genug Jungs für Fußballspiele zusammenkamen oder es kein Geld fürs Freibad gab, blieben wir dort oft halben Tag, bis die Straßenlaternen angingen und die Kumpels nach Hause mussten.
Ganz in der Gegend gab es einen Aquaristikladen, wo man für ein paar Cent dünne, stabile Plastikrohre kaufen konnte, die sich, gestutzt auf 30 cm und in Verbindung mit einem Pfund getrockneter Erbsen oder Bohnen zu ganz hervorragenden Spuckrohren zweckentfremden ließen. Das war entschieden zu viel Macht für uns.
Mit erstaunlicher Präzision terrorisierten wir damit die Nachbarschaft, lernten während des Radelns zu schießen und verballerten Kiloweise Hülsenfrüchte. Die widerlichen Projektile taten richtig weh und hinterließen blaue Flecken wenn man sie abbekam. Dennoch kannten wir keine Gnade, für uns galt das Recht des Schnelleren. Rache für den Grünstreifen, impotente Wut herausgelassen an Menschen die nichts mit seinem Verschwinden zu tun hatten.
Außer einmal, da traf einer von uns einen Hund, der sich ganz fürchterlich erschrak und jaulte, und sofort radelten wir rüber zu seinem Frauchen, entschuldigten uns immer wieder, allen gemeinsam die Art von selektivem schlechten Gewissen das man nur für niedliche Tiere empfindet. “Ich wollte eigentlich Sie treffen, nicht Ihren Hund”, warf Robert dann empört ein, hilfreich wie er war, worauf die Dame mit der Polizei drohte. Dann verschwanden wir schnell, in unterschiedliche Richtungen, und fanden auf unseren Containern wieder zusammen.
Wenn dann die Straßenlaternen angingen blieb ich meist noch länger, oder radelte alleine durch das Viertel, denn zu Hause wartete nichts auf zu dem ich in Eile heimkehren wollte.
Einmal lud mich Robert, der im selben Hochhaus wohnte, zu sich zum Abendbrot ein.
Seine Mutter hatte von nichts gewusst, und ich hörte die beiden diskutieren, während ich in seinem Kinderzimmer saß. Eigentlich wollte ich schon gehen, aber dann hatte die Mutter wohl widerwillig für mich mit gedeckt und es gab Brot und Tee und ein Glas Gurken. Irgendwie geschah es dann, dass ich versehentlich zwei Scheiben Käse nahm statt einer. Wie gewohnt schnitt ich die Brotscheibe in der Mitte durch, klappte das Brot zusammen, und seine Mutter explodierte. Vier Lagen Käse aufeinander, schien sie zu finden, ein Zeichen so unverzeihlicher Fressgier.
Grund genug einen Grundschüler zusammenzuschreien und ihm das angebissene Brot aus der Hand zu reißen. Während sie sich in Rage schreit habe ich erst Panik, erfolgreich in den Hausflur geflüchtet und außerhalb ihrer Reichweite finde ich meinen Mut wieder und nenne Sie beim Weglaufen eine Missgeburt.
Meine Eltern wohnen nur ein paar Stockwerke weiter oben, also will ich die Treppen nehmen. Ein paar Stufen darüber finde ich dann einen Teich aus frischer Pisse, mitten im Hausflur, in dem Taschentücher schwimmen. Ich werde wütend, tu mir selbst leid, kehre um und fahre noch eine Runde Rad. Draußen ist es nun dunkel, die Straßenlaternen erinnern mich an meine Freunde, die längst zu Hause sein müssen, vielleicht noch an ihren Nintendos sitzen oder schon im Bett liegen.
Dann denke ich an Robert und seine Mutter und mein Selbstmitleid verlässt mich.
Es hätte mich deutlich schlimmer treffen können.
Mittwoch, 8. Juli 2026
Straßenlaternen und Abendbrot
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