Auf meiner Platte gefunden, ich glaube bisher unveröffentlicht?
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Jedes Haus, so war ich als Grundschüler überzeugt, muss mindestens einen Geheimgang haben.
Ist die Schraube, die sich unter der Plastikabdeckung im Türgriff befindet vielleicht ein geheimer Schalter? Lässt sich das Fensterbrett vielleicht aufklappen? Verbirgt sich im Keller der Chorweiler Platte vielleicht ein geheimer Tunnel, der bis zu einer Schmugglerhöhle am Meer führt?
Die Schuld an diesem Unsinn teilten sich eine Nachbarin, eine Kölner Philosophiestudentin im achtundzwanzigsten Semester, die meiner Schwester das Lesen nahebringen wollten, und meiner Schwester selbst, die diese Versuche ignorierte und die Bücher stattdessen an mich weitergab.
Auf demselben Weg war ich schon an Pippi Langstrumpf und den kleinen König Kallewirsch gekommen, aber hier, das merkte ich sofort, hatte ich plötzlich richtige “große Kinder” Literatur in der Hand: Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel.
Wer die Serie nicht kennt: fünf Freunde, zwei Jungs, zwei Mädchen und ein Hund, haben Ferien und reisen gemeinsam durch England. Immer ist ein Meer in der Nähe, immer verliert sich die Autorin in lange Beschreibungen der Landschaften und längere Beschreibungen der Wegzehrung. Immer gibt es Schmuggler, oder Diebe, immer gibt es Geheimgänge, immer gewinnen am Ende die fünf Freunde.
Enyd Blyton beschrieb eine Welt die auf mich, der noch nie das Meer gesehen hatte, kein Essen kannte, das nicht aufgewärmt oder mikrowelliert und dessen einzige Outdoor-Erfahrung ein Ausflug der Grundschule zum Trimm-Dich-Pfad war, so fremd wie Mittelerde und Tatooine.
Mehr noch als um ihren Hund und um ihr Haus am Meer und um ihre Freunde beneidete ich George um ihren Vater. Ein guter Mensch, aufbrausend, ja, und manchmal etwas ungeduldig, aber nicht, weil er wie mein Vater Formel 1 gucken und Modell-LKWs lackieren musste, sondern weil er ein Forscher war. Ein Mensch mit einem bewegten inneren Leben, der über die großen Dinge nachdachte. Der am Anfang eines Buches einen Fehler machen und am Ende eines Buches diesen einsehen und korrigieren konnte. Kein jähzorniger Kleingeist, der seinen Kindern schon in deren Grundschulalter nicht mehr bei den Hausaufgaben helfen konnte.
Und so las ich das erste Buch, und das zweite, und dann wieder das erste, und wenn ich nicht las, dann erforschte ich die wenigen Grünflächen im Block auf der Suche nach Geheimgängen, und Ruinen, und manchmal kam ein Freund vorbei und half mir, aber fündig wurden wir nie. Irgendwann kannte ich die ersten fünf Bände auswendig, und leider war sich die Bibliothekarin, das war noch vor dem Internet, sicher, dass es nur die fünf gab. Das fand ich zwar schade, aber irgendwie auch schön, fünf Bände, fünf Freunde.
Auch nachdem die Euphorie über Schmuggler und Geheimgänge längst verflogen war, ließ mich eine Idee nicht los: wie grandios muss doch dieses Meer sein, das ich nur aus dem Fernsehen kannte, dessen Ende man nicht sehen konnte, weil es bis zum Horizont geht, das Wellen und Gezeiten hat, und wo Möwen leben, und wo es immer nach Salz riecht. Für den jungen Stefan, eine völlig fremde und faszinierende Idee.
“Können wir mal ans Meer fahren?” fragte ich dann irgendwann am Mittagstisch. Ich hatte mit allen möglichen Antworten gerechnet. Iss auf und halt die Klappe, oder das können wir uns nicht leisten, oder wir haben doch den Rhein hier. Oder vielleicht über eine Tirade, wie “schwul” doch das Meer sei.
Völlig unvorbereitet war ich allerdings auf die tatsächliche Antwort: “Ja, darüber wollten wir eh mal mit euch reden, wir fahren über Pfingsten nach Holland.”
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