Posts mit dem Label Kleinstadtquartett werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kleinstadtquartett werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 17. Mai 2026

Kleinstadtquartett, Vierter Teil: die junge Mutter

Wer den Blog unterstützen möchte: 

Das ganze Quartett als Epub und PDF mit coolem Cover für nur 1,00 € gibt es HIER zu kaufen.

_____ 

Die junge Mutter sitzt im Wartezimmer. Vor dem Fenster wird eine Eiche langsam grün, die Luft riecht nach Weidenkätzchen. 

Zwei ältere Damen sind augenscheinlich nur zum Schwätzen dort, und während die Mutter wartet, stößt noch eine dritte dazu. Ilse hat dies, Hannelores Mann hat das, leeres Geläster. Die Mutter ist müde. Sechs Wochen hatte sie auf den Termin warten müssen, das Knie war noch immer nicht belastbar, ihr Job als Kellnerin, was ihren Job als Kellnerin noch schwieriger machte.

Das Lokal an der B9, ein Treffpunkt für Biker mittleren Alters (ein Ausdruck den die junge Mutter schon immer euphemistisch fand, hatten die meisten ihrer Kunden doch deutlich mehr als die Hälfte des Lebens hinter sich) hatte sich nicht sehr verständnisvoll gezeigt, und ihr Boss, der seinerzeit selbst den Laden geerbt hatte, schien ihr jeden Arztbesuch persönlich zu nehmen. 

Aber sie braucht das Geld dringend, gerade noch hatte sie versehentlich eine Rechnung weggeworfen, die in einem Schwall von Werbung im Briefkasten untergegangen war... 

Als wäre das nicht genug, schlug letzte Woche auch noch ihre Unfallgegnerin in der Kneipe auf. Dort saß sie mit einem Herrn der der jungen Mutter vage bekannt vorkam, und es gab ihr etwas Genugtuung, dass das Date fürchterlich dumpf zu laufen schien. 
Die Frau, sichtlich desinteressiert, der Mann bemüht, aber durchgängig am labern. 

Mindestens zweimal hörte die junge Mutter das Wort “Stadtoberinspektor”; der Monolog des Herren fügt sich perfekt in das geistlose Rauschen der anderen Gäste ein. 

Dann bringt sie die Rechnung, 18,70 € bitte, die Dame zahlt. Als Dankeschön für das Motorrad, sagt sie zu ihrer Begleitung. Was immer das heißt. Und während die junge Mutter ein Lächeln aufsetzt, was freundlich sein sollte aber gequält wirken muss, kramt die Dame ein paar Scheine und Münzen heraus. Zehn - fünfzehn - siebzehn - achtzehn - achtzehnfünfzig - achtzehnsechzig - achtzehnsiebzig, bitteschön. Trinkgeld war selten geworden, und wenn es mal großzügig ausfiel, dann kam es fast immer mit einer Portion sexueller Belästigung. 

_____

Der Sohn wird unruhig, die pädagogisch wertvollen Holzspielzeuge üben keinen Reiz auf ihn aus, die abgegriffenen Lustigen Taschenbücher erst recht nicht. Wie sollen sie auch mit dem bunten, aufregenden Lärm konkurrieren, der ihm so häufig multimedial um Aug’ und Ohr dröhnt? Meist guckt er zwei Videos gleichzeitig, ein endloser Schwall aus kurzen Ausschnitten, ulkige Tänze auf der einen Bildschirmhälfte, Minecraft-Parcour auf der anderen - eine Lobotomie in kindgerechten Häppchen. 

So bettelt er um das iPad, zu jung um seinen Wunsch zu artikulieren, aber “iPad” kann er schon sagen, dann rufen, dann brüllen, um seinem Sehnen Nachdruck zu verleihen. Die Mutter, müde, mit noch immer schmerzendem Knie, und selbst ins Handy vertieft, gibt nach. Kopfhörer benutzen die beiden nicht, die anderen Patienten schauen genervt.

Von draußen weht eine nikotinhaltige Zuckerwattewolke ins Fenster; die Kakophonie aus Handy und Tablet fügen sich in den Straßenlärm ein. 

 

 

 


 

 

 

 

Samstag, 25. Oktober 2025

Dritter Teil, in dem Erika, der Witwe, ein Unglück widerfährt

Kleinstadtquartett:  

Erster Teil: Achim

Zweiter Teil: Der Günnikologe

Dritter Teil, in dem Erika, der Witwe, ein Unglück widerfährt

Vierter Teil: die junge Mutter 

 

Dritter Teil, in dem Erika, der Witwe, ein Unglück widerfährt

Zweimal hatte sie den Pizzaboten nun schon gefickt und sich gegen ein drittes Mal entschieden. 

Das erste Treffen war minutiös geplant: sie wollte ihn direkt um 18:00 Uhr zu Schichtbeginn abfangen, denn dann sollte er noch Energie haben, und gleichzeitig, immerhin war es Dezember, war es schon dunkel genug um ihren Körper in ein schmeichelhafteres Licht zu hüllen. 

Nach einer holprigen ersten Nacht war die zweite etwas besser, beinahe hätte sie sogar einen Orgasmus gehabt. Auch hatte es ihr eine gewisse Genugtuung gegeben, dass Achim jede freie Minute mit dem Gedanken an junge Frauen verbracht und doch nie Erfolg hatte, es ihr jedoch, ein Schuss, ein Treffer, beim ersten Versuch gelang. 

Doch dann holte der Pizzabote am Ende sein Handy raus, um ein halbnacktes Selfie von den beiden zu schießen, für seine Jungs sagte er, und plötzlich fühlte sie sich benutzt und entfremdet von seiner ganzen Generation. Als er dann laut wurde, weil er seinen Willen nicht bekam, beendete sie die Affäre und beklagte später nur den Verlust der einzig essbaren Quattro Stagioni der Kleinstadt. 

____

Nun ist Januar, Achim schon vor Monaten zu Grabe getragen, und draußen schneit es. Die Witwe geht in die Garage, und nur hier hat sie sowas wie Sehnsucht nach ihrem Mann. Denn dort steht das Auto, der Satz Winterreifen noch in der Ecke, daneben ein zerbeultes Motorrad das sie allein kaum zu verkaufen vermag, und ein riesiger Mercedes SUV dessen Raten sie allein nicht mehr stemmen kann.

Da war doch der Günni, fällt ihr ein mit etwas Ekel, vielleicht kann ich dem das Motorrad andrehen. Das hat doch für den einen sentimentalen Wert… Aber der komische Typ wohnt ja noch in seiner Mietwohnung… Dennoch schreibt sie ihm bevor sie los zur Arbeit fährt.

Es ist auf halber Strecke zur Arbeit, dass ihr das Unglück widerfährt. Es ist nicht klar, ob es an der Nachricht von Günni liegt, die sie während der Fahrt lesen muss. 
Oder an dem eingeschränkten Sichtfeld, das sie durch das viel zu große Auto hat. 
Oder an den Reifen, die der schneevermatschen Straße nicht ganz gewachsen sind. 

Ein Aufprall und ein Schrei lassen Erika aufhorchen. Wäre da nicht die Motorhaube im Wege, könnte sie die junge Mutter sehen. Ihr gebrochenes Bein, den Buben der neben ihr sitzt und weint, die Platzwunde am Kopf, die Einkäufe verteilt über den Zebrastreifen. 

Erika steigt aus, schreit die junge Mutter an, ob sie denn keine Augen im Kopf habe. Dann sieht sie, dass die junge Mutter wohl ein Rad geschoben hatte, herrjemine, das liegt da auch noch, die ganze Front des Mercedes ist zerkratzt, und sogar der Stern. Gott bewahre, nicht der Stern.

Es schneit unentwegt, während zwei Sanitäter sich um die junge Mutter kümmern und Erika auf die Wachtmeisterin wartet, und Erika merkt, wie ihr die Tränen kommen. Was die Versicherung wohl jetzt extra kosten wird, und extra einen Termin in der Werkstatt müsse sie machen, und wohlmöglich ein paar Punkte in Flensburg, nur weil das blöde Teeniegör nicht aufpassen konnte. 

So ein Unglück, denkt sie, könne auch nur ihr widerfahren.  

Freitag, 8. August 2025

Der Günnikologe

Link zu Teil 1, "Achim"

Irgendwann holze ich den Scheißbaum ab, schwört sich Günni, als er an der Eiche im schönsten Herbstkleid vorbeifährt, und nur seine allgemeine Trägheit schützt sie vor einem gänzlich sinnlosen Akt der Zerstörung. 

Günni kommt nach Hause, nimmt einen Stapel Werbung aus seinem Briefkasten, steckt ihn in den Briefkasten einer jungen Mutter. Irgendwann, so seine Hoffnung, wird sie ihn mal darauf ansprechen. Das wäre dann seine Chance sie einzuladen, auf ein selbstgekochtes Essen, in seiner Wohnung mit den schicken Möbeln und den Fotos von Günni auf seiner Harley, und der Gibson SG, die er seit Jahren nicht spielte aber wöchentlich abstaubte. 

“Der Günnikologe”, so hatte ihn Achim genannt. Den Ruf als Frauenheld hatte er sich hart erkämpft. Von den Jungs war er am längsten unverheiratet, und während der Rest des Motorradklubs langsam Kinder bekam, gefiel sich Günni in seiner Rolle als der legendäre, unzähmbare Single. Und wie so viele Legenden beruhte die des Günnikologen auf Übertreibungen, Erfindungen, und stetigem Wiederholen. Selbst bei seiner Hochzeit. Da haute der Achim eine Anekdote nach der anderen heraus, vor einer sichtlich beschämten Braut, die nur beten konnte, dass der peinliche Spitzname nicht fallen würde.  

Doch so gefiel sich Günni: der Mann der jede habe konnte, aber nur seine Frau will. Der Rebell den nur die Liebe einer guten Frau zähmen kann, der Hank Chinaski des Tiefbauamtes in Kleinmichelsdorf. 

Aber jetzt war er fünfzig, die Ehe war vorbei, er musste in eine kleine Dachgeschosswohnung ziehen, und seine letzte Eroberung war nur noch eine graue Erinnerung. Schlimmer noch, jetzt war selbst der Achim weg, und mit ihm würde auch langsam die Legende des Günnikologen verblassen. 

Wenigstens beruflich lief es jetzt gut. Gerade war er in der Laufbahn aufgestiegen, war nun Stadtoberinspektor. “Stadtoberinspektor", das Wort gefiel ihm. 

Für den Aufstieg hatte er lange gekämpft, einen langen Lehrgang neben der Arbeit gemacht, und jeden Tag gelernt. In dem guten Hemd hatte er sich in die Bibliothek der FH gesetzt, seine Bücher zu Verwaltungsrecht gewälzt, sich täglich erhofft, dass eine der dort lernenden Studentinnen ihn ansprechen würde. Vielleicht würden sie ihn für einen Professor halten. 

Was er denn lerne, würde sie frage, und “ach, nur was für die Arbeit” würde er antworten, und du? Die Studentin würde sehen, dass er Geld verdient, dass er ambitioniert ist, und an ihr interessiert, und dann, wenn er Glück hätte, könnte er den Bikerjungs von seinen neuesten Abenteuer erzählen. Zu der Vorstellung mastubierte er häufig, und meist kam er, lange bevor es in seinem Kopf zum Sex kam. Es ging ihm, wie immer, mehr um die Eroberung.

“Stadtoberinspektor”, betete er sich immer wieder vor. Das hat doch was. Das klingt wichtig, nach Verantwortung. Nach Autorität. Nach Geld. Nach Stabilität. Immerhin war er Beamter. Was er der jungen Mutter alles bieten könnte. Oder den Studentinnen. Oder der blonden Bedienung in der Kneipe an der B9. Oder der… 

Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen. Die Idee ist genial. Plötzlich weiß er, wie er seine Legende noch retten und für immer zementieren kann.

Es ist jetzt sechs und draußen schon dunkel, und Günni träumt unter der Dusche. 

Wie läufts, wird sie ihn fragen, und er, der Stadtoberinspektor, würde sie mit seinem neuen Titel beeindrucken, und dann würden sie ein Paar, und vor seinen Augen sieht er schon die kopfschüttelnden, aber ihn doch bewundernden Bikerkollegen. “Ein alter Hund kann einfach nicht aus seiner Haut” werden sie sagen, bei der Hochzeit zwischen ihm, den Günnikologen, und  Achims Witwe. 

Samstag, 7. September 2024

Achim

Es ist Spätsommer, viel zu heiß, und die Kleinstadt schläft mit offenen Fenstern. Eine junge Mutter, unendlich erschöpft, bringt ihren Buben zu bette. Der Hund hat sich entleert, der Bauch des Sohnes ist voll, und für einen perfekten Moment schlafen beide ein, und auch der dankbaren Mutter fallen kurz die Augen zu.

Und dann, RÖÖÖÖÖÖÖÖÖÖRRR-RÖÖÖRR, ein Motorrad weckt den Jungen, weckt den Hund, weckt die halbe Kleinstadt. Der Hund bellt, die Nachbarshunde stimmen ein, der Junge weint, der Mutter geht der Puls hoch.

Achim sitzt auf seiner Harley, die tägliche Tour über die Landstraßen neigt sich dem Ende zu. An der letzten Ampel nickt er cool einem jungen Mädel zu, die neben ihrem Freund im Auto sitzt. Die verzerrt ihre Oberlippe, in einer Mischung aus Ekel und Mitleid und guckt sofort weg. “Ich habs immer noch drauf”, denkt sich Achim, der im Halbdunkeln ihren angewiderten Blick als schüchternes Lächeln interpretiert. Ein echt geiler Typ eben.

Verschwitzt und zum Bersten gefüllt fängt seine wulstige Wampe unter der schwarzen Ledergarnitur zu jucken an, dann fährt er in seine Garage, bewundert noch für einen Moment sein Motorrad, eine echte Harley, von seinem Kumpel Günni, dem Günnikologen wie er ihn nennt, frisiert, um extra laut zu sein. Ein echtes Männergefährt eben, denkt sich Achim.

Während er im WC im Erdgeschoss laut stöhnend und schwitzend eine schmerzhafte Arschgeburt zur Welt bringt, liegt seine Frau Erika oben bereits im Bett, löscht das Licht, und hofft, dass er sie einfach schlafen lässt, und ihr nicht wieder die Ohren abkaut, vom Günnikologen, und von den immergleichen, langweiligen Fahrten des Tages. Von der Einkehr an einer Kneipe an der B9, wo er mit anderen Fettsäcken ein Bier runterschlürft und sich an der jungen, blonden Kellnerin aufgeilt, und dass er, um Gottes Willen, bloß keinen Sex will.

Aber ihre Sorge ist unbegründet, denn im Erdgeschoss geht der Fernseher an und ein Bier ploppt auf. Langsam driftet sie in den Schlaf, unbelästigt von Achim und seinem ohnehin kaum noch funktionierendem Glied. Und Achim schläft unten auf dem Sofa ein. Ein guter Tag, denkt er sich.

Ein paar Wochen später.

Die junge Mutter holt die Post rein, zahlreiche Prospekte, trotz dem höflichen “Bitte-keine-Reklame oder-Zeitungen-einwerfen”-Vermerk am Briefkasten, und würde sie das örtliche Wochenblatt aufschlagen, fände sie dort einen Nachruf, auf Achim, 53, geliebter Vater und Ehemann, dessen Leben auf tragische Art von der Kollision mit einer Eiche beendet wurde.

Und während Achim, 53, von seiner Frau, der das Trauern schwer fällt, und seinem Kumpel, dem Günni, den er immer den Günnikologen nannte, zu Grabe getragen wird, bricht langsam der Herbst über der dankbaren Kleinstadt ein.