Freitag, 4. August 2023

Sergei gegen die Physik

Wie Sergei bei der Jobcenter-Maßnahme gelandet war, konnte wohl niemand genau sagen.

Seine Geschichte dazu, gleich Tolkiens Magnum Opus, "grew in the telling". Zuerst erzählte er nur, er habe den Job als Komissionierer, gut bezahlt durch Nachtschichten und Wochenenden, gekündigt, weil er Vater wurde und mehr Zeit für die Erziehung haben wollte. Fragwürdige Entscheidung, glaubhafte Geschichte. Je nach Gemütszustand wurde seine Kündigung aber immer anders ausgeschmückt. Mal kündigten all seine Kollegen aus Solidarität, mal prügelte er sich mit dem Chef auf dem Parkplatz (oder, wenn er milde gestimmt war, wurden dem Chef nur Prügel angedroht), mal ging die Firma pleite und der Chef verkaufte einen seiner fünf Sportwagen, um wenigstens noch Sergei, dem besten Pferd im Stalle, schwarz ein dickes, letztes Gehalt zu zahlen. 

Wie auch immer Sergei beim Jobcenter gelandet war, seine Präsenz in der Maßnahme war eine Bereicherung. War Ronny, "der Professor" noch der Einäugige unter den Blinden, war Sergei genauso dumm wie der Rest von uns. Nicht dümmer, aber definitiv nicht klüger. An einem Tag hatten wir das Modul "Englisch in der Informatik", und es stellte sich als Fehler heraus, Sergei ein Wörterbuch zu geben. Welche Wörter wir denn schon kennen, fragte der Dozent, während Sergej wild blätterte, und dann ruft er rein "breast" (und spricht es wie "beast" aus),  und kichert dann vor sich hin, bis er das nächste Wort findet, das er als reinrufenswürdig empfindet, "ass", und kichert wieder, und der Dozent hasst wohl sein Leben.

Weil wir die einzigen Nichtraucher waren, hing ich manchmal mit ihm in der Pause rum. Er verstand schnell, dass ich nicht allzu interessiert an seinen Erzählungen über sein neues Baby war, und so erfand er irgendwelche Heldentaten oder Abenteuer, die ihm passierten, meisten orientiert am Fernsehprogramm des letzten Tages. Einmal erzählte er mir, dass er als Jugendlicher deutscher Meister im Breakdancing wäre, und dass sein Tänzername "B-Boy Sergei" gewesen wäre, eine Lüge die so random und übertrieben war, dass ich ihn einfach auslachen musste. Am nächsten Tag brachte er dann einen eingerahmten Zeitungsartikel mit, ja, so richtig im Bilderrahmen, und siehe da, da stand er, in einem Outfit straight aus 8-Mile, zwischen ein paar ähnlich gekleideten Buben, seinem Meisterschaftsteam im Breakdancing. Seltsam, denke ich, und frage mich, welche seiner Geschichten wohl noch wahr gewesen sind.

In irgendeiner Pause hängen wir im heißen Schulungsraum rum, draußen sind hundert Grad und drinnen nur fünfzig, deswegen bleiben wir drinnen, und Sergei kommt rein, mit seiner Lederjacke, in den Händen eine Schüssel mit Milch, bis zum Rand gefüllt, sodass er sich nur mit Mikroschritten, jeder einzelne für das bloße Auge kaum wahrnehmbar, aber in Summe doch eine Vorwärtsbewegung ergebend, seinem Tisch nähern konnte. Der Dozent guckt nur fassungslos auf die Milchschüssel, dessen Inhalt nur durch Oberflächenspannung gehalten wird, aber nach quälenden Minuten hat die Schüssel wider jeder Erwartung den sicheren Tisch erreicht. "Das kann doch nicht dein Ernst sein!" schreit der Dozent, aber Sergei kann ihn beruhigen. Er holt eine Packung JA! Choco Chips Frühstückscerealien raus, keine Sorge, die saugen die Milch schon auf. 

Es endet wie es enden muss, mit einem nassen, klebrigen Tisch, einem wütenden Dozenten, und einem verwirrten Sergei, der vorwurfsvoll auf die Cerealienpackung guckt, als fasse er die mangelnde Saugkraft der JA! Choco Chips als persönlichen Verrat auf.

Drei Tage noch bin zum Ende der Maßnahme, drei Tage noch, drei Tage noch...

Samstag, 15. Juli 2023

Ankommen

Sommer 2019. Nach einer turbulenten Trennung und einem viel zu heißen Sommer zwischen Autos und Beton hatte ich genug vom Stadtleben und suchte mir eine günstige Wohnung in einem winzigen Weindorf gute fünfzig Kilometer von der Heimat entfernt.  

Die Besichtigung konnte ich mit einer langen Radtour zuerst den Rhein herauf verbinden, bis ich an ein kleines Flüsschen, das im trockenen Juni das Flussbett nicht füllen konnte, ankam. Dieses radelte ich weiter herauf und mit jedem kleinen Dorf wuchs meine Begeisterung. Alles war grün, der Radweg perfekt gepflegt, und das Tal, anfangs weit und offen, wurde stellenweise richtig eng, sodass man zwischen steilen Felswänden durch fährt. Die umliegenden Hügel, voller Weinreben, und weiter oben, Nadel- und Mischwälder.

Dann, das Zieldorf. Der Radweg führt durch einen 235 Meter langen Tunnel unter einem riesigen Felsen und wilde Reben hängen bis kurz über Kopfhöhe über dem Weg. Der Tunnel ist schwach beleuchtet und rechts gehen abgesperrte Schächte tiefer in den Stein. Für einen Moment genieße ich die Kühle, dann verlasse ich den Tunnel und der Anblick nimmt mir die Luft. Ein alter Bahnhof, unten Sandstein und oben Fachwerk, links die Weinberge, rechts das Flüsslein, weiter rechts, mehr Weinberge. Das Dorf macht sofort einen Eindruck von Beständigkeit, davon, dass es über hundert Jahre entstanden ist und sich wohl auch die nächsten hundert Jahre nicht groß verändern wird.

Das Haus liegt in einer engen Kurve in einer Straße die nach dem Rotwein benannt ist, der dort angebaut wird, über einer alten Weinstube, die nicht mehr betrieben, aber weiterhin liebevoll gepflegt wird. Im Fenster hängt noch ein Menü, darunter eine andächtige Nachricht, die sich bei den Gästen bedankt und schweren Herzens die Schließung der Weinstube ankündigt. Man sieht ein altes Klavier, das über Jahrzehnte die Gäste unterhielt, und Sitzmöbel, die gemütlich und urig aussahen. 

Tradition in jeder Fuge, und auch hier, Beständigkeit, Ruhe.

Der Vermieter ist direkt sympathisch, spricht zuerst mit dem örtlichen Akzent aber wechselt alsbald zu Hochdeutsch, und gute fünfzehn Minuten vergehen, bevor ich überhaupt die Wohnung sehe. Er erzählt mir stolz die Geschichte des Hauses, das sein Vater im frühen 20. Jahrhundert gebaut hatte, wie der Neubau entstanden ist, wie der Altbau zur Weinstube umgewandelt wurde, die der Vermieter und seine Frau betrieben, und wie er selbst eine Schlosserei im Keller hatte. Aber nun waren auch die Vermieter alt, die Weinstube geschlossen, die Kinder weggezogen, die Schlosserei bloß noch ein Hobby in einer Werkstatt hinterm Haus, wenngleich mit viel Liebe betrieben. 

80 Jahre Geschichte, zehntausende Arbeitsstunden, und das Leben dreier Generationen und unzähliger Gäste in einem Haus.

Die Wohnung war okay, ist hier nicht interessant, aber der Ausblick aus dem Fenster war unbeschreiblich. Direkt hinterm Haus, ein Walnussbaum. Uralt, und seine Äste voller fetter Früchte, wuchs er direkt aus dem Fluss, der gerade nur ein Bach war, aber dennoch hörbar vor sich hinplätscherte. Auf der anderen Flussseite, eine Felswand, relativ Steil und doch voll von Wein und mit einem alten Rebenaufzug. Und ganz oben auf dem Hügel, eine kleine Burg.

“Wollense noch ‘ne Nacht drüber schlafen?” fragt mich der Vermieter, aber ich schlage direkt ein.

Vor der Heimreise sitze ich noch ein wenig hinterm Haus am Bach, sauge die Ruhe und Beständigkeit ein wie ein Schwamm. Und während ich dem Plätschern der Ahr zuhöre, denke ich nur:

“Ja, hier will ich bleiben”. 

___

Ein Abend, gute zwei Jahre später. Um acht reißt der Fluss die Fensterscheiben aus dem Erdgeschoss, die Weinstube, das Klavier, zerstört. Gegen neun wird das Dach der Werkstatt weggerissen, kurz darauf gibt auch der alte Walnussbaum nach. Meine Wohnung, im ersten Stock im Neubau, steht knietief unter Wasser. Der Altbau hält sich tapfer, noch so bis Mitternacht, dann stürzt auch er ein. Teile des Neubaus stehen noch bis zum nächsten Tag, sonst könnte ich das hier nicht schreiben.

Heute ist da nur noch ein Schotterparkplatz. 

Bilder:

 

mein Bild



Bild aus Spiegel-Doku


Samstag, 8. Juli 2023

Dani (kurze Leseprobe)

„Ich mag deine Stimme!“

Das war ihre erste Nachricht, und das Netteste, was ich in einer langen Zeit gehört hatte. „Und wenn wir schon dabei sind, ich mag es, wie du im Gildenchat schreibst!“

Das war so 2008. Sie war in meiner WoW-Gilde und manchmal hörte man sie im Voice Chat als einziges Mädel unter 24 Jungs Taktiken erklären oder inkompetente Heiler zusammenstauchen.

Sie war etwas jünger als ich, aber während ich beim REWE Kartons gefaltet oder in einem Lager Prospekte verschickt hatte, hatte sie ihr Abitur gemacht. Sie erzählte mir, dass sie unweit von mir in Bad Godesberg, damals für mich der Inbegriff einer noblen Gegend, wohnte, gerade ein FSJ plante und danach nach Zürich ziehen würde, um zu studieren. Irgendwas mit Robotern, oder KI oder so. Eine Lebenswelt, von der ich wenig verstand. Und irgendwann kam die gefürchtete Frage, was ich denn so mache, und mir fiel keine gute Antwort an, also blieb ich bei der Wahrheit. „Also gerade schaffe ich in einem Call Center, aber ich mache nebenbei den Real-Abschluss nach.“ Und ich war sicher, dass sie nun wegrennen würde.

Aber sie rannte nicht weg: „Soll ich dich mal besuchen kommen?“

Besuchen. In meiner Wohnung? Die gänzlich schmucklose Wohnung in der Kölner Platte, die weder ein Sofa, noch einen Fernseher hatte? In der es außer einer Hand voll Schulheften kein Buch gab, keine Pflanzen, einen Duschvorhang als Badezimmertür und nur eine weiß Gott wie alte Matratze als Bett? „Na gut“, schrieb ich, „aber ich befürchte du wirst dann wegrennen.“

Aber sie rannte nicht weg. Wir saßen auf der Matratze und tranken Bier und redeten als hätten wir nicht in den jetzt Wochen jede freie Minute miteinander geplaudert und in tausend Fragen und Antworten und kleinen Pausen und Gesten und Blicken war nicht ein Hauch von Vorwurf, kein Anzeichen von Ekel, kein Hinweis darauf, dass sie mich auf Grund unserer unterschiedlichen Lebensumstände als niedriger betrachtete.

In den nächsten Monaten merkte ich häufig, dass sie versuchte, mich zu fördern. Schon am Anfang brachte sie bei mir ihr Scrubs-Boxset unter und zwang mich, die Folgen mit ihr auf Englisch zu gucken. Anfangs noch mit Untertiteln, später ging es ohne. Und heute würde ich nie wieder eine Comedy übersetzt schauen.

Wir wussten immer, dass unsere Zeit zusammen begrenzt war. Sie hatte ihren Studienplatz in Zürich, und ich hätte nie mit ihr mithalten können, selbst mit der größten Motivation, denn sie wuchs deutlich schneller als ich. Während ich nach der Arbeit binomische Formeln paukte und dem Wissen der achten Klasse hinterherrannte, bereitete sie sich auf ihr Studium und lernte die Art von Mathe, die ich auch heute nicht verstehen würde. Die Weichen waren gestellt.

Bevor sie ging, schenkte sie mir ihren „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“, was zu einem meiner Lieblingsbücher werden sollte, und beim Lesen merkte ich, dass einige Vokabeln, nach denen ich sie beim Scrubs-Schauen gefragt hatte, markiert waren. Als hätte sie sich jede davon gemerkt und später im Buch gefunden.

Mein Buch hat noch einige Seiten, und ich am liebsten würde ich die Überraschung verderben und sagen, dass Dani im dritten Drittel wieder auftaucht, dass wir uns wiederfinden, dass wir zusammen in einem kleinen Haus mit Garten und einem Hund an der See leben. Aber Dani ist jetzt Dr. Dani, und der Nachname ist anders, und sie lebt noch in der Schweiz, und ich glaube sie mag auch gar keine Hunde, aber getroffen habe ich sie seit unserer kurzen Begegnung nie wieder.

Freitag, 30. Juni 2023

Pissdisking

Jetzt auch als Audio: 

Manche Fragen stellten sich fast jedem Teenager mal: wie geht es nach der Schule weiter, wie gefalle ich dem anderen Geschlecht, wie erzähle ich meinen Eltern von der schlechte Note?

Andere Fragen stellten sich wohl nur mir: wie pisse ich Ingo Berg, genannt Ingeborg, in den Briefkasten? 

Die Idee ließ mich nicht los. Nachdem Ingeborg mir eine CD mit fürchterlichem Inhalt untergejubelt - und mich damit vor mindestens einem Elternteil fürchterlich blamiert hatte - wollte ich Rache. 

Ingeborg lebte mit seinem Bruder einer eigenen kleinen Wohnung im Souterrain im Haus der Eltern, mit eigenem Briefkasten, und Kevin hatte die Idee, dass wir Hundestuhl sammeln und beim ihm in den Briefkasten werfen könnten.

Die Idee gefiel mir nicht. Erstens störte mich die Vorstellung, draußen rumzulaufen und Stuhl zu suchen. Das fand ich würdelos und nicht elegant. Außerdem verlangte die Ehre: wenn Exkremente in Ingos Briefkasten landen, so sollten es meine sein. Aber wie?

So ging ich dann mal am Wochenende an Ingeborgs Haus vorbei, um die Lage zu checken. Diese war ernüchternd: der Briefkasten des kleinen Einfamilienhauses war deutlich außerhalb meiner Reichweite, und zudem von der Straße aus sehr sichtbar. Also zurück zu Kevin geradelt, der gerade mit seinem Cousin aus dem Ruhrpott Nintendo zockte, und das Problem beschrieben. 

Der Cousin, ohne zu zögern, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt:  "Ja dann musst du den halt pissplatteln." Was? "Ja pissplatteln. Also Pisse in einer Rohlingspindel einfrieren und die Pissplatte dann den Briefschlitz stecken."

Es war so elegant. Es war so stilvoll. Es war, so darf ich heute sagen, fast schon nobel. Als würde ich ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. CD-förmige Rache. Gelbe, gefrorene Gerechtigkeit. 

Und wie es der Zufall will, hat Kevin in seiner Garage eine große Gefriertruhe, und so frieren wir unsere Pisse in zwei Spindeln von CD-Rohlingen ein. Kevin hat zwar keine Rachegelüste, aber wie ein Golden Retriever will er einfach dabei sein und mitmachen. 

So ziehen wir los, perfide Postboten der Pisse. 

Nach der Lieferung frag ich Kevin, wer seine Zustellung erhalten hat, und Kevin erklärt, dass er sich einen beliebigen Nachbarn ausgesucht hat, damit das Verbrechen willkürlich wirkt, damit niemand auf uns kommen kann. Ich halte die Logik für so wasserdicht wie die Deckel der CD-Spindeln, aber weil wir dumme Teenager sind, können wir es natürlich nicht bei unserem perfekten Verbrechen belassen. 

Stattdessen machen wir "Pissdisking" (denn wir sind cooler und moderner als die Ruhrpottkinder) zu einer Art Sport. Täglich landen irgendwo unsere Disks in irgendwelchen Briefkästen. Jede leichte Provokation wird mit einem nassen Briefkasten geahndet, und für jeden Racheakt kommen drei weitere, widerlich-willkürliche Zerstörungsakte hinzu.

Dann flogen wir zu nah an die Sonne, Peekarus, sozusagen:

Statt es einfach dabei zu belassen, gingen wir zu Ingo, um uns mehr leere Spindeln zu besorgen. Durch seinen Bruder hatte er davon haufenweise über. Die Dreistigkeit dieser Idee gefiel mir besonders und nach ein paar Wochen hatten wir zehn Spindeln zusammen. Um beim Verteilen der Pissdisks nicht aufzufallen, haben wir sie Prospekte gesteckt und sahen für Beobachter aus, wie Jungs die sich etwas Taschengeld dazu verdienen. 

Bis uns einer von Ingos Nachbarn, unser erstes willkürliches Opfer, bei frischer Tat ertappte. 

Prospekt in den Briefkasten, Tür geht auf, der Herr nimmt die Pissplatte direkt aus dem Briefkasten, sieht uns, wir rennen weg. Er erzählt die Geschichte rum, von den Jungs die CDs auf Pisse in Briefkästen verteilen, und irgendwie hört Ingo davon - und zählt natürlich eins und eins zusammen. 

Irgendwann radel ich dann nach der Schule nach Hause und Ingos Bruder fängt mich ab, verpasst mir die Prügel meines Lebens. Verdient? Ja, vermutlich. 

Der Pitch (Jochen, Teil 2)


"Meine Eltern kommen heute vorbei", sagte meine Freundin, Domi, und sofort ging meins Puls hoch. 

Zweimal hatten uns ihre Eltern besucht. Es ging beide Male um Geld. Einmal wollte uns ihre Mutter zeigen, wie man richtig einkaufen geht. Da hatten wir gerade unsere erste eigene Wohnung, waren fast volljährig, und ihre Mutter, um guten Willen zu zeigen, wie ich dachte, ging mit mir zu Aldi. Sofort merkte ich, dass ich von der Frau nichts lernen konnte. "Nimm doch diese Teewurst, die kostet 20 Cent weniger." Ja, aber ist halt auch nur halb so viel drin. "Nimm am besten die Eigenmarke, die ist billiger." Ja danke, ich bin ja auch zum ersten Mal in einem Laden... An der Kasse angekommen legte sie dann zwei Schachteln Kippen mit aufs Band, "so als kleines Dankeschön für die Hilfe", sagte sie. Und ich sagte das könne sie vergessen, und dass ihre Tipps nutzlos waren, und dass sie mich nur ausnutzen wollte.

Beim zweiten Mal wollte Jochen mir ein Geschäft vorschlagen, und ich müsste nur 150 € investieren und er würde es in sechs Wochen verdoppeln. Er habe ein Händchen für sowas. Wenn er ein Händchen für sowas hätte, warf ich ein, wieso muss er sich dann 150 € von einem arbeitslosen Teenager leihen? Diplomatie war nicht meine Stärke, aber mein Bullshit-Detektor war präzise kalibriert. Die Frage passte ihm gar nicht, und er warf mir Arroganz und Geiz vor. Dass ich beim besten Willen keine 150 € gehabt hätte, erwähnte ich erst gar nicht.  

Ich hatte schon damit gerechnet, dass Domis Eltern bald aufschlagen würden, denn ich hatte, zum Teil durch Aufstocker-Jobs, von denen ich nur 100 € im Monat behalten durfte, genau 1250 € für den Führerschein auf einem Sparbuch geparkt. Einen nicht unerheblichen Teil dieser Summe hatte ich also mit Arbeit verdient, für die ich effektiv nur 1-2 € die Stunde bekam. Das Sparen hatte deutlich über ein Jahr gedauert, und ständig hatte ich mich bei Domi darüber beschwert, wie viele Stunden ich nun schon investiert hatte, was ich mir alles nicht gekauft hatte, und wie lange ich mich schon auf die mit vielen Arbeitsstunden erkauften Fahrstunden freute.

Und so kam es, wie es kommen musste, und Domis Eltern, mit den beiden Spikes im Schlepptau, die Mutter dürr und dreckig, der Jochen fett, beide eckzahnlos, saßen in unserem winzigen Wohnzimmer auf dem Sofa, Domi und ihre Eltern rauchend, die armen Spikes gleich passiv mit, und ich genervt, dass ich nicht WoW zocken konnte. So begann der erbärmlichste Investment-Pitch der Geschichte:

"Wir haben eine Geschäftsidee", erklärte Jochen dann, und erzählte davon, dass er Kaugummiautomaten aufstellen wollte, zuerst in seiner Nachbarschaft, aber dann, im großen Stil, auch in Köln in der Innenstadt und vor Supermärkten und so, und mit anderen Süßigkeiten, und später auch mit Zigaretten. "Dürft ihr das überhaupt?" frag ich, und Jochen, genervt, dass ich mich mit Details beschäftige, denn er will zum Punkt kommen, sagt: "Ja wer soll denn was dagegen haben?"

Die Idee könnte klappen, aber das Geschäftskonzept ist überhaupt nicht durchdacht. Er rechnet kurz vor, ein Kaugummi kostet im Einkauf X und im Verkauf Y, also ist Y-X purer Gewinn. Passives Einkommen, sozusagen, obwohl das damals noch kein Modebegriff war. Und was kosten die Automaten, frag ich,  aber "das ist ja nur eine einmalige Investition". Und wenn der geklaut wird? "Ja hast du schonmal einen geklauten Kaugummiautomaten gesehen?" Und was ist mit Spritkosten, und muss man da nicht Steuern zahlen oder so? Aber all die Details nerven Jochen, er will nur zum Punkt kommen: 

"Egal, auf jeden Fall brauchen wir noch einen Investoren. Für die Automaten erstmal. Da haben wir natürlich an dich gedacht." Natürlich, liegt ja auf der Hand. "Wir brauchen nur noch 1250 €".

Und als er die Zahl nennt, werde ich erst traurig, dann wütend, dann wird mir klar: wenn ich irgendwie rauskommen will aus all der Scheiße, aus der Armut, weg von den Scheißjobs, von den Kippen und der Sinnlosigkeit, von der Wehmut die ich jeden Abend verspüre, wenn ich wieder den ganzen Tag verzockt habe, muss ich weg von ihr. Zusammen kommen wir da nicht raus, alleine habe ich vielleicht eine Chance.