Donnerstag, 19. Januar 2023

Der erste Job

Mit 18 Jahren habe ich sehr viel Zeit unterirdisch verbracht.

Nach einem deutlich unterdurchschnittlichen Hauptschulabschluss hatte ich keinen Ausbildungsplatz gefunden und ein ganzes Jahr in Abhängigkeit vom Jobcenter verbracht.

Mein sehnlichster Wunsch zu der Zeit war, das Elternhaus zu verlassen, und so musste unbedingt ein Job her. Nach unzähligen Bewerbungen war er gefunden: eine auf ein Jahr befristete Stelle im Lager eines Reiseveranstalters.

Beim Bewerbungsgespräch mit Frau Specht, einer ulkig aussehenden Reiseverkäuferin, die nebenbei wohl auch Personalsachen macht, erfahre ich: ich bekomme etwa 800 € netto für einen Vollzeitjob. Viel war das schon damals nicht, aber es reichte, um ein winziges Kellerapartment zu bezahlen und sogar etwas Geld für den Führerschein zur Seite zu legen. Dass jemand mit so einem Gehalt und einer befristeten Stelle eine Wohnung in einer deutschen Millionenstadt bekommt, wäre heute wohl undenkbar.

Mein Job wird im Keller unter den Büroräumen des Reiseveranstalters verrichtet. Um zur Kellertreppe zu kommen, muss ich das halbe Büro durchqueren. Die Reisevermittlerinnen grüßen anfangs noch zurück, als sich herumspricht, wer ich bin und wo ich arbeite, hört diese Höflichkeit schnell auf.

Die Arbeit ist perfekt für mich. Nicht sonderlich anspruchsvoll, weder körperlich noch mental groß anstrengend, im kühlen Keller. Der uralte Lagerist, Peter, ist freundlich, verzeiht so manches Ungeschick und manchen Unsinn und ist sichtlich darum bemüht, mir den Job beizubringen. Einmal pro Woche werden Prospekte, Kataloge und Inserts geliefert und müssen aus dem LKW ins Lager gebracht werden, den Rest der Woche verbringen wir damit, jene an die richtigen Kunden zu versenden. Entweder verpacke und sortiere ich die Post und laufe dabei durchs Lager, oder ich bediene im Sitzen eine Portomaschine. Wahrlich, keine große Herausforderung, aber der Job gibt mir Struktur und Unabhängigkeit von den Eltern und so komme ich jeden Tag gerne zur Arbeit.

Über uns, im Büro, brodelt es häufig. Die auszubildenden Büro- oder Touristikkaufrauen kommen fast täglich zum Weinen in den Keller und Peter heitert sie mit großväterlichen Witzen und guten Zusprüchen auf. Ich höre den Geschichten zu, von Mobbing und Tabellenkalkulationen, von gemeinen Sprüchen über Übergewicht oder Akne oder schlechte Kleidung, über Expedientenrabatte die zwar die Nichte der Chefin bekommt, nicht aber die anderen Auszubildenen, über das gestrige TV-Programm und über alkoholbedingte Ausschreitungen bei der Weihnachtsfeier. Einmal kommt Frau Specht runter und weint sich bei Peter aus. Ihr wurde gesagt, dass ihr Gesicht nicht mehr für den Katalog geeignet sei und sie als Einzige nicht mehr ihr Reiseziel repräsentieren darf. Je mehr ich über die Bürowelt „da oben“ erfahre, desto glücklicher bin ich im Keller.

Gerne würde ich sagen, dass ich meine Freizeit dazu nutze, mich weiterzubilden. Webdesign lernen vielleicht, oder Programmierung, oder einfach lesen, oder ein Instrument. Stattdessen hänge ich fast permanent am PC und zocken World of Warcraft. Damit hatte ich während meiner Arbeitslosigkeit angefangen und über Jahre nicht wieder aufhören können. Den Mangel an Fortschritt im eigenen Leben überdecke ich mit dem Erfahrungsbalken und die sofortigen, messbaren Erfolge binden mich so fest an das Spiel, dass ich über wenig anderes nachdenke. Welch verschwendete Zeit und Aufmerksamkeit...

 
Die Monate vergehen und ich freunde mich mit Dave an. Der ist der einzige männliche Reiseverkäufer, bereits jenseits der 50, von beeindruckender Enormität, sammelt hobbymäßig Abmahnungen und hängt häufig im Keller rum, wenn es ihm oben zu stressig wird. Eines Morgens bin ich in einer Toilettenkabine und Dave hämmert an die Tür. „Stefan, bist du da drin?! Beeil dich! Schnell!“ Ich will nicht gestört werden und sage nichts. Dave resigniert und motzt: „Dann geh ich eben bei den Muschis scheißen!“

Später sitze ich am Lager-PC und lese eine E-Mail, die an alle Frauen adressiert ist, aber auch an Funktionsbriefkästen wie Lager und Zentrale. Wer auch immer das „Massaker“ auf dem Damenklo verursacht habe, möge dies umgehend beseitigen, sonst würde die Chefin jemanden per Zufall bestimmen. Eine knappe Stunde später läuft Frau Specht, weinend und mit hochrotem Kopf, einen Eimer und einen Mopp tragend, durch den Keller zu den Toiletten. Ich empfinde tiefes Mitleid mit der Dame und frage mich, was sie wohl falsch gemacht habe, außer dass ihr Gesicht der Chefin nicht gefalle. Aber mir wird sehr deutlich, dass Erfolg in diesem Betrieb sehr viel damit zu tun hat, wie gut man sich mit der Chefin versteht.

Nach einem Jahr geht mein Vertrag zu Ende und wird nicht erneuert, denn die Firma hat entschieden, die Aufgaben von den Büro-Azubis übernehmen zu lassen. Das sei effizienter, und ich solle es nicht persönlich nehmen, und Peter habe ja lobend von mir gesprochen, also würde mein Zeugnis positiv ausfallen.

Während sich das Jahr dem Ende zuneigt, bewerbe ich mich weiter um Ausbildungen. Der Job im Lebenslauf gibt mir etwas Selbstvertrauen, aber irgendwie reicht das nicht, um über meinen schlechten Abschluss hinwegzutäuschen. Ich bewerbe mich auf alle Lehrstellen, die ich finde: Lagerist, Elektriker, Bäcker, Schreiner, Maler, Dreher, Schlosser… Keine Chance. Vielleicht, wenn ich meine Freizeit etwas produktiver genutzt hätte, als am PC Drachen und Kernriesen zu jagen?

Irgendwann lande ich wieder beim Amt. Dieses erlaubt mir immerhin, meine Wohnung zu behalten, weil die Rückkehr ins Elternhaus als unzumutbar eingestuft wird. Doch anstatt mir bei Bewerbungen um Lehrstellen zu helfen, sehen die meine Zukunft als billiger Lohnsklave, in kurzfristigen Beschäftigungen, in ausbeuterischen Werksverträgen, in permanenter und entwürdigender Abhängigkeit.

Zu dem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass so die nächsten drei Jahre meines Lebens aussehen würden.

Samstag, 7. Januar 2023

Domi, WoW, und andere gute Dinge, die schlecht für mich sind

Wir kannten uns schon vom Jobcenter. Einmal hatten wir uns auf dem Flur der Arge getroffen und uns unterhalten, einmal waren wir zusammen in einer Maßnahme. Das dritte Treffen war bei Edeka. Ich war einkaufen, sie räumte als 1-Euro-Jobberin Regale ein.

„Wollen wir mal was zusammen machen?“ frage ich. Vier Wochen später zieht sie bei mir ein. Unsere Wohnung ist winzig. Eigentlich könnten wir vom Amt eine größere bekommen, aber wir fühlen uns wohl. Eine Souterrain-Wohnung mit kleiner Terrasse, einem Wohnraum, einer ranzigen Küche und einem Duschbad. Die Enge der Wohnung bringt uns Nähe.

Plötzlich gefällt mir mein Leben, trotz Mangel an Fortschritt. In der Anfangszeit verlassen wir das Bett kaum. Manchmal rauchen wir nach dem Sex auf der Terrasse, weil wir das so aus Filmen kennen. Dabei reden wir dann über die Dinge, die wir so machen werden. Ich wäre gerne Lagerist, Domi möchte Kauffrau werden. Dann ziehen wir aufs Land, arbeiten bei einem großen Edeka und kaufen einen Hund.

Die 700 € oder so, die wir als Bedarfsgemeinschaft haben, reichen uns locker und bei unserem wöchentlichen Lebensmitteleinkauf, für den wir uns alle Zeit der Welt nehmen, kommen wir uns wie Könige vor. Irgendwann kaufen wir uns eine gebrauchte Waschmaschine und schieben sie auf einem Rollbrett durch halb Köln. Ich merke, wie wir angestarrt werden und ich merke, wie egal es mir ist. Wir sind jung und verliebt, scheiß drauf was die Leute denken. Als abends die Waschmaschine, die gefühlt die Hälfte unseres kleinen Duschbades einnimmt, ihre ersten Runden dreht, sitzen wir mit meinem besten Freund, einem Klempner, in unserem Wohnzimmer und trinken Bier. Noch heute kann ich mich daran erinnern, wie dankbar und optimistisch und verliebt und unbeschwert ich war.

Zwei Jahre später. Langsam aber sicher nimmt unsere Bequemlichkeit überhand. Wir werden fetter, Domi raucht mehr und mehr, lässt ihre Hygiene schleifen. Ich spiele WoW wie einen Vollzeitjob, kann an nichts anderes mehr denken und über nichts anderes mehr reden.

Ich höre auf zu lesen, werde ungeduldiger. Höre auf, Rad zu fahren. Unsere Gespräche werden stumpfer.

Bewerbungen werden seltener.

Sex wird seltener.

Gemeinsame Einkäufe werden seltener.

Während ich zocke, schaut sie fern. Sieben, acht, zehn Stunden am Tag. Irgendwann hört sie auf, zum Rauchen rauszugehen. Unser Wohn- und Schlafraum stinkt wie eine Kneipe.

Die Nähe fühlt sich beengend an.

 

Sie bricht drei Ausbildungen ab, ich bekomme nicht einmal eine Stelle. Unsere Misserfolge nehmen wir uns gegenseitig übel. Irgendwie ist jeder von uns überzeugt, dass der andere der größere Versager ist.

 

Ich hätte sicher nie eine Lehre abgebrochen, werfe ich ihr vor.

Wenigstens habe ich schon eine Lehre angefangen, wirft sie mir vor.

 

Über unsere Träume reden wir gar nicht mehr. Ständig pumpen ihre Eltern mich um Geld an. Wollen mir tolle „Investments“ verkaufen. „Du hast doch Geld!“ sagen sie und spielen damit auf ein paarhundert Euro auf meinem Sparbuch an. Je später im Monat, desto toller ist das „Investment“. Irgendwann gebe ich mein Geld für eine Gitarre aus und höre nie wieder von ihnen. 

 

Langsam aber sicher wird WoW immer schlechter. Meine Lieblingswelt verändert sich dramatisch, jede Nostalgie geht verloren. Meine virtuellen Freunde verschwinden, finden neue Hobbys, gründen Familien oder starten Karrieren. Mir wird die Zeitverschwendung immer schmerzhafter bewusst. Nicht meine Sucht bessert sich, meine Lieblingsdroge existiert schlicht nicht mehr.

 

Einen Monat bevor ich Domi verlasse und meinen ersten richtigen Job finde, logge auch ich mich zum letzten Mal aus.

Fortsetzung

Freitag, 30. Dezember 2022

Der Unterschicht Blog in 2023

Hallo Freunde,

verzeiht diesen administrativen Eintrag, ich wollte nur ein kurzes Update geben, was für das nächste Jahr ansteht.

der Unterschicht Blog ist jetzt etwa fünf Wochen alt und ich freue mich über jeden Aufruf und besonders über jeden Kommentar. 

Für 2023 habe ich mir vorgenommen, mindestens zwei Posts im Monat zu schreiben. 

Dabei ist es mir wichtig, dass die Posts kurzweilig und unterhaltsam und Abwechslungsreich bleiben und nichts zu veröffentlichen, das diesen Standard nicht erfüllt. Ein paar interessante Ideen von Reddit-Usern, die ich gern umsetzen würde.

1. "All die kleinen kreativen Dinge die einen ein entspanntes Leben mit wenig Geld ermöglichen."

2. "Ich fände eine Reflektion spannend, quasi wie wurden deine Einstellungen durch die Bildungsfeindlichkeit deiner Eltern geprägt[...]"

3. "Mich würde interessieren, wie diese Erfahrungen deine politischen Ansichten geprägt haben"

Für Januar habe ich außerdem eine Reflektion, wie viele Jahre Armut meinen Umgang mit Geld geprägt haben, geplant. Und natürlich einen Haufen "Slice of Life" Geschichten, die ich spontan schreibe, wenn mich eine bestimmte Erinnerung heimsucht. :)

Da ich mittlerweile fest in einem dualen Studium und somit in einem permanten Zustand der Überforderung stecke, können die Posts etwas sporadisch werden. Das Projekt ist aber nicht vergessen, auch wenn hier mal etwas Funkstille herrschen sollte. Nach der nächsten Klausurenphase plane ich zudem eine optische Überarbeitung, damit der Blog auch mobil optimiert ist.

Ich danke herzlich fürs Lesen und wünsche euch alles Gute im neuen Jahr!

Auf bald,

UB

 


Sonntag, 25. Dezember 2022

Heiligabend im Plattenbau

Heiligabend. Schon um kurz vor drei klingle ich bei meinen Eltern. Den uralten BMW meines Schwagers habe ich schon erspäht; meine Schwester, Mitte 30, ihr Mann, Mitte 20, und deren Sohn, Kyle-Jeremy, oder so ähnlich, glaube 7, sind also auch schon da.

 

Mutter öffnet die Tür. „Frohe Weihnachten“ sag ich. Sie bemüht sich um ein Lächeln. Vater, Schwester, Schwager sitzen im Wohnzimmer. Schwager begrüßt mich, Kyle-Brandon kann sich gerade nicht von seinem Tablet, von dem die nervigen und viel zu lauten Töne eines Minecraft-Videos scheppern, trennen. Schwester klebt am Handy und schaut kaum auf, obwohl wir uns seit letztem Weihnachten nicht mehr gesehen haben. Vater schaut fern, erhöht zwischendurch die Lautstärke, um das Minecraft „Let’s Play“ zu übertönen. Jeremy-Kyle (oder war es Kyle-Jeremy?) lässt sich im kakophonen Wettrüsten nicht schlagen und erhöht wiederum die Lautstärke seines Tablets.

 

Schwager fragt mich, was ich jetzt eigentlich verdiene, und ich sag es ihm, damit er sich daran erfreuen kann, mehr zu verdienen als ich. Sein gutes Gehalt sei ihm gegönnt, als Koch ist es hart und ehrlich verdient, und ich bin froh, dass er die Schulden, die meine kriminelle Schwester angehäuft hat, jetzt brav abbezahlen kann. Die Schwester wird direkt hellhörig und muss anmerken „zusammen verdienen wir also gut doppelt so viel wie du, haha“. Ich gratuliere ihr, dass sie das ohne Taschenrechner ausgerechnet hat und behalte den Rest für mich.

 

Irgendwann geht Schwager zum Auto, um seinen Raclette-Grill zu holen. Vater regt sich auf, über so einen neumodischen Unsinn, warum können wir das Fleisch nicht in der Pfanne braten, und wie soll man denn satt werden mit den kleinen Schälchen und überhaupt, früher war alles aus Holz. Mutter versucht ihn zu beschwichtigen, immerhin habe sie zwei Kilo Hack gekauft, und sein Lieblingsbier, und will er es denn nicht mal ausprobieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und mancher Mensch ist eben Gewohnheitshornochse.

 

Langsam wird es dunkel, wir fangen zu essen an. Gesprochen wird kaum, Brandon-Jayden ist nach zwei Pfännchen satt und spielt ein Spiel auf seinem Tablet. Vater inhaliert zwar Pfännchen um Pfännchen, motzt zwischen den Bissen aber immer wieder über diese Schnappsidee. „Das ist ja schlimmer wie letztes Jahr, als Schwager gekocht hat“. Schwager ist mittlerweile ausgelernter Koch und „letztes Jahr“ (vor zwei oder drei Jahren, als er noch Azubi war) gab es ein wirklich gutes Drei-Gänge-Menü, das er über vier Stunden in der schlecht ausgestatteten Küche meiner Eltern zubereitet hatte. Vater und Schwester, deren Nahrungsaufnahme immer nach Kalorien / Zeiteinheit optimiert war, sind sich einig: völliger Unsinn.

 

Irgendwann kommen wir an dem Punkt des Abends an, vor dem ich mich seit Tagen fürchte. Bescherung. Letztes Jahr war diese so deprimierend, dass ich danach zu schreiben anfing.

 

Jayden-Maddox packt seine Geschenke aus. Beim Öffnen ist auch er mal enthusiastisch und wach und entkräftet meine Vermutung, dass sein Tablet wohl angewachsen sein muss. Vater hat ihm einen Modell-LKW geschenkt und erzählt ihm Geschichten von seiner Zeit als Fernfahrer. Der Junge will weiter auspacken und sofort ist Vater genervt, dass sein Geschenk nicht mehr der Nexus der Aufmerksamkeit ist. Von seinen Eltern bekommt der Siebenjährige eine Google-Play-Karte über 50 € und einen Schal mit LKW-Motiven. Ich nehme an, das war so mit Vater abgesprochen.

 

Letztes Jahr hatte ich mir geschworen, Jamie-Brandon nichts zu schenken. Trotzdem überreiche ich ihm ein kleines Päckchen und bereue es fast umgehend. Er freut sich natürlich, reißt es auf und findet ein Schachbuch für Kinder und ein kleines Reiseschachspiel. Ich dachte, dass ich ihn damit vielleicht etwas fördern und ihm das Spiel beibringen kann. Vielleicht ist es auch völlig unangebracht für Kinder in seinem Alter, was weiß ich denn, bin ja kein Papa. Aber ich dachte es wäre schön, wenn er auch mal was Analoges spielen und dabei seinen Grips anstrengen könnte.

 

Meine Schwester lacht schon, als sie nur sieht, dass es ein Buch ist. „Haha, dasselbe Geschenk wie letztes Jahr!“. Hoffentlich wird sie es dieses Jahr nicht wieder verkaufen… Vater regt sich sofort auf. „Jetzt lass doch den Jung mit dem Streberscheiß in Ruhe.“Jayden-Damien ist durch das Verhalten seines Opas sofort verunsichert und jegliches Interesse am Geschenk ist im Keim erstickt. Vater kann nicht wirklich lesen, und irgendwie fühlt er sich bedroht, wenn andere Menschen um ihn herum Interesse an Dingen zeigen, die er nicht versteht. Aber es geht einfach mal nicht um ihn. Schwager hält sich raus, meine Mutter sieht nur wieder traurig aus. Warum müsse ich denn den Vater denn immer so ärgern, fragt sie mich später, als wir zu zweit auf dem Balkon sitzen. Sie raucht, und es friert sie, und sie sieht auf einmal so alt aus. Ach Mutter, sag ich nur. Dann schweigen wir, bis ihre Zigarette aufgeraucht ist.

 

22:30. Ich sitze allein im Bahnabteil auf dem Weg nach Hause. Ich zische mir ein Bier, das ich dem Vater geklaut habe. Eigentlich sollte ich traurig sein. Aber irgendwie fühle ich mich gut.

 

364 Tage Ruhe.  

Sonntag, 18. Dezember 2022

Der sinnlose Computerkurs des Jobcenters

Ein Sommer, etwa 2009. Nach zwei kurzfristigen Beschäftigungen beziehe ich wieder Hartz 4 und bin abhängig vom Jobcenter.

"Ach Mensch, Sie sind ja noch jung, machen Sie doch einen Computerkurs!", sagt die überdurchschnittlich bemühte Jobcenter-Mitarbeiterin zu mir.

Ich freue mich über die Gelegenheit, frage mich aber, ob es wirklich in ganz Köln kein ähnliches Kursangebot gibt, und so fahre ich - bezahlt vom Jobcenter - 40 km pro Strecke Zug.

Die Erwartungen wurden klar an mich kommuniziert: sechs Wochen, acht Stunden am Tag, maximal ein Fehltag, am Ende gibt es eine Prüfung. Bei Bestehen gibt es ein Zertifikat. Dieses, so meine Bearbeiterin, könne mir helfen, eine Berufsausbildung zu finden. Spoiler: konnte es nicht.

So sitze ich frohen Mutes im Zug, trotz der infernalischen Hitze und studiere den Stundenplan:
Die erste Woche befasst sich mit Word. Okay. Woche zwei betrifft Excel. Das könnte interessant werden. Dritte Woche: Computer. Okay, was auch immer das heißt. Und so weiter.

Vor der Bildungseinrichtung, die an einer vielbefahrenen Kreuzung in Bahnhofsnähe liegt, pellt sich ein Ungetüm aus Fleisch aus einem winzigen Peugeot 106. Der Mann, zwei Meter groß und mindestens zweihundert Kilo, müht sich keuchend aus seinem Auto und ist Sekunden später von dicken Zuckerwattewolken aus seinem Vaporizer umgeben. Ich nicke ihm zu, während ich an ihm vorbei die Schule betrete. Der Klassenraum ist auf einem kleinen Lageplan, den mir das Jobcenter mitgegeben hat, eingezeichnet.

Ich setze mich in die zweite Reihe, da sitze ich am liebsten. Der Fleischkoloss von vor der Tür kommt in die Klasse und setzt sich direkt vor mich. Sein Maurerausschnitt ist so lang wie mein Unterarm und sein Gestank unerträglich.

Der Dozent kommt rein, stellt sich vor, wir starten eine Vorstellungsrunde. Ich lerne, dass der Zuckerwattewolkenmann Ronny heißt und den Kurs zum dritten Mal besucht. Er hat sechs Kinder und beim den ersten Versuch war eines krank, beim zweiten hat er die Prüfung nicht geschafft. Der Rest der Klasse ist wie ich: orientierungslose Mittzwanziger am Rande der Gesellschaft, die wider jeder Vernunft etwas Hoffnung in der Maßnahme sehen.

Der Dozent macht uns Mut, sagt er habe den Kurs selbst mal absolviert, also wisse man ja nie. Dass er einen BA in Wirtschaftsinformatik hat und den Kurs mitgestaltet hat, verschweigt er erstmal.

Wir versuchen, auf den uralten ThinkPads dem Unterricht zu folgen, aber die Bildschirme sind nicht hell genug und es ist schwierig, irgendwas zu erkennen. Dennoch kennen wir nach einer Woche so etwa die Basics von Word.

Die nächste Woche, der Dozent ist krank. Spontan ziehen wir das Modul "Computer" vor. Der Vertretungslehrer muss seine Aufmerksamkeit zwischen drei Klassen aufteilen, kommt rein, gibt uns den Stundenplan für die Woche. Dieser bringt mich noch heute zum Lachen:

1. Montag - Betriebssysteme
2. Dienstag - Computerhardware und Elektrotechnik
3. Mittwoch - vernetzte IT-Systeme (LAN, WLAN)
4. Donnerstag - Programmierung in Java
5. Freitag - Wiederholung und Modulprüfung

Na gut, das wird ja eine interessante Woche. "Die Laptops braucht ihr diese Woche nicht", sagt er. Wir bekommen einen kurzen Text zu Betriebssystemen. In zwei Absätzen wird erklärt, was Windows und was OSX ist. Ronny dreht sich um und erklärt uns, dass wir den zweiten Absatz ignorieren können, denn in der Prüfung kommt nur Windows dran.

Recht hat er, in der Prüfung wird es nur eine Frage zu Betriebssystemen geben: "Welches ist ein Betriebssystem? Windows, Word, HTML, oder WLAN?"

Die restlichen Tage gehen wir mit ähnlicher Tiefe an. Kurze Texte, die mit maximal zwei Fragen in der "Modulprüfung" abgefragt werden. Fast acht Stunden Langeweile am Tag, der Dozent weit und breit nicht zu sehen. Die anderen Teilnehmer sind klüger als ich, tragen sich morgens in die Liste ein und hauen nach Ausgabe der Texte ab. Ronny und ich sind bemüht und bleiben. Ich komme mir wie ein Vollidiot vor.

Freitags kommt die Prüfung (90 Minuten für 10 Multiple Choice Fragen). Ohne Aufsicht. Kurz vor Feierabend, der Lehrer kommt kurz rein, teilt uns das Ergebnis mit. Alle haben bestanden, niemand freut sich.

Die Lernmittel sind unter aller Sau. Es gibt nur 40 Laptops für 3x20 Schüler, weil man eben mit hoher Abwesenheit rechnet. Hilft aber in der erste Woche nicht, wenn die Anwesenheit noch gut ist. Die Unterrichtsräume sind eine reine Zumutung, viel zu eng besetzt, nie im Leben konform mit Brandschutz. Unser Klassenraum ist direkt neben der einzigen Toilette, und so dürfen wir, 2-3 mal täglich, Ronny zuhören, der laut stöhnend schmerzhafte Arschentbindungen durchleben muss.

Die nächste Woche. Excel. Oder Powerpoint, keine Ahnung mehr. Nur noch zwei Drittel der Klasse sind erschienen, ich freue mich, denn so ist die Luft nicht mehr ganz so stickig und nicht mehr ganz so voll mit Scheißepartikeln, Deo und Zigarettengestank. Der Dozent der ersten Woche ist wieder da, aber auch er muss seine Zeit zwischen drei Gruppen aufteilen. Wenigstens gehen die Office-Kurse etwas in die Tiefe, und wenigstens haben wir für diese Laptops. Yay.

Ronny hat sich mittlerweile den Spitznamen "der Professor" verdient. Der Einäugige unter den Blinden. Während der Rest mit Summenformeln überfordert ist, unterhält er sich mit dem Dozenten über Pivot Tabellen und VBA. Wenn wir dumme Fragen stellen, erklärt er uns das Zeug geduldig. Mir wird klar, dass ich ihn den Kerl zu sehr verurteile und ich überlege, wie mein Leben wohl aussähe, wenn ich mich auch um sechs Kinder kümmern müsste.

Nach sechs Wochen gibt es eine Abschlussprüfung. Etwas Office, ein paar Fragen zu Mäusen und Tastaturen und 1:1 dieselben Fragen aus der "Computer"-Woche. Die Auswertung dauert etwa eine Woche, dann bekommen wir das Zertifikat.

Zum letzten Mal sitze ich im Zug nach Hause und reflektiere. Wieder sechs Wochen verschwendet, denke ich mir. Kein echter Erfahrungsgewinn, den Steuerzahler wieder um hunderte Euros beraubt, und auch das Zertifikat, das mir "Fortgeschrittene Kenntnisse in IT, Programmierung und MS Office" bescheinigt, wird bei Bewerbungen so nutzlos sein, wie ich mich fühle.